Forderungen des BPE e.V., der LAG-NRW und SHG´s

Sechs Forderungen des BPE e.V. zur stationären Psychiatrie: 7.6.1995

(weißer Flyer)

- Patiententelefone in einer Kabine auf jeder Station

- Münzkopierer deutlich sichtbar im Eingangsbereich jeder Anstalt

- Auf jeder Station deutlich sichtbar ein Anschlag, dass auf Wunsch Briefpapier,Briefumschläge

  und Briefmarken zur Verfügung gestellt werden

- Aufhängen des BPE-Flugblattes auf jeder Station

- Anbieten eines täglichen Spazierganges unter freiem Himmel von mindestens einer Stunde

  Dauer

- Einrichten einer Teeküche auf jeder Station, dass man sich rund um die Uhr zu essen und zu

  trinken machen kann

25 Jahre Psychiatrie-Enquete - Der BPE e.V. fordert:

(gelber Flyer - 10 Jahre BPE e.V.)

Verbesserung der Situation Betroffener innerhalb der Institutionen bzw. Modifizierung

und/oder Neuschaffung institutioneller Rahmenbedingungen:

-Finanzierung und Unterstützung von Beratungsstellen von Betroffenen für Betroffene sowie

  eine Gesetzesinitiative zur Etablierung von hauptamtlichen, bezahlten und unabhängigen

  Patientenvertrauenspersonen für den stationären, ambulanten und komplementären Bereich

  (inkl. Heime, WfB, Forensik etc.).

- Finanzielle und ideologische Unterstützung alternativer Projekte zur Psychiatrie (Weglauf-

  häuser etc.) sowie den Ausbau von Soterien oder soteriaähnlichen alternativen Abteilungen

  in psychiatrischen Kliniken.

- Bereitstellung niederschwelliger Krisen- und Interventionsdienste mit Notfallbetten.

- Einsetzung einer Heim-Enquete, um das Heim(un)wesen öffentlich auf den Prüfstand zu

  stellen.

- Empowerment statt Betreuung und Bevormundung. (Motto: Frage einen Erfahrenen und

  keinen Gelehrten.) Teilnahme statt Ausschluss bei wesentlichen politischen Diskussionen wie

  Ethik- und Forschungsgremien. Ständig freier Internetzugang in allen psychiatrischen Ein-

  richtungen als zeitgemäße Form der Nutzer- und Qualitätskontrolle.

- Einführung eines Suizidregisters, unter besonderer Berücksichtigung der zuvor verabreichten

  Psychopharmaka, Elektroschocks, Fixierungen und Isolierungen.

- Psychiatrie-Erfahrene mit Kinder- und Jugendpsychiatrieerfahrungen erhalten das Recht und

  die Unterstützung, auf Wunsch einen/ihren Jugendpsychiater konsultieren zu dürfen.

- Schutz- und Rückzugsräume für Frauen als Standard für alle Psychiatrien, mit rein weiblichen

  Personal und frauenspezifischen Therapien. Frauenspezifische Gewalterfahrungen, wie z.B.

  sexualisierte Gewalt dürfen nicht negiert und tabuisiert werden; diese Frauen dürfen in der

  Klinik erst recht keiner erneuten Gewalterfahrung ausgesetzt sein. Der Psychopharmakaein-

  satz darf nicht - wie die Regel - statistisch höher liegen als bei Männern.

Verbesserung der außerinstitutionellen Situation Betroffener:

- Schluss mit der Ghettoisierung von Psychiatrie-Erfahrenen in gemeindepsychiatrischen Sub-

  kulturen (Heim, WfB, Tagesstätte, Selbsthilfegruppen).

- Grundrecht auf ausreichenden Wohnraum mit und ohne Handicap. Schluss mit den Warte-

  zeiten von 6 - 12 Monaten in den neuen Bundesländern beim Betreuten Wohnen.

- >Ambulant vor stationär< auch für psychiatrische Patienten; sie sollen zwischen ambulant

  und stationär wählen dürfen und können.

Förderung unterstützender und präventiver Maßnahmen:

- Recht auf Hilfe und Unterstützung zur dauerhaften Stabilisierung, die eine Weiterbehandlung

  erübrigt.

- Belastungsabhängige, zeitlich begrenzte, finanzielle Unterstützung als Präventivmaßnahme

  zur Vermeidung >sozialer Psychosen< und damit einhergehender Psychiatriesierung.

- Unbürokratische Genehmigung von Kurmaßnahmen zur Unterstützung psychischer und

   physischer Stabilisierung bzw. zur Förderung positiven Stressmanagements.

Anregungen und Forderungen der LAG-NRW des BPE e.V. im Zusammen-

hang mit der großen Anfrage 10 der Fraktion BÜNDNIS 90/Die Grünen

zur Psychiatrie in Nordrhein-Westfalen

- Weniger Institutionen, die über den freien Willen der Betroffenen verfügen.

- Abbau von langen Wartezeiten auf Therapieplätze im Anschluss an Klinikaufenthalte.

- Regelmäßige Überprüfung, ob gesetzliche Betreuer ihre Aufgabe wirklich im Interesse des

  Betreuten wahrnehmen, sowie Schaffung rechtlicher Möglichkeiten ungeeigneten Betreuern,

  von der Übernahme gesetzlicher Betreuungen auszuschließen.

- Regelmäßige Überprüfung ob gesetzliche Betreuungen im angeordneten Umfang überhaupt

  noch notwendig sind.

- Überprüfung von ärztlichen und therapeutischen Angeboten im ambulanten Bereich, sowie

  mehr Transparenz für die NutzerInnen.

- Verpflichtung der niedergelassenen Psychiater und Psychotherapeuten zur Kooperation mit

  Selbsthilfegruppen, ambulanten und komplementären Diensten.

- Ein fachärztlicher Notdienst der niedergelassenen Nervenärzte und Psychiater sollte gesetz-

  lich vorgeschrieben werden.

- Eine Vernetzung der vorhandenen Dienste, die sich an den Bedürfnissen der NutzerInnen

  orientiert, wobei die Selbsthilfegruppen die erste, die Ärzte und Kliniken die letzte Stelle

   hinter Sozialarbeitern, Psychologen, Seelsorgern etc.) einnehmen sollten.

- Flächendeckende verlässliche Krisenhilfe und Krisenintervention unter Einbeziehung der

  Selbsthilfegruppen der Psychiatrie-Erfahrenen und aller ambulanten Dienste, nach dem Ber-

  liner Modell (unbürokratisch, anonym, jederzeit erreichbar, Arzt im Hintergrund). Eine Ver-

  netzung von Polizei, Feuerwehr, Telefonseelsorge, spD´s mit den Selbsthilfegruppen der

  Psychiatrie-Erfahrenen ist anzustreben. Allein die Begleitung durch einen Psychiatrie-Erfah-

  renen kann bereits deeskalierend wirken.

- Finanzielle Absicherung von Projekten, die von Psychiatrie-Erfahrenen selbst entwickelt wur-

  den, wie z.B. rund um die Uhr geöffnete Cafes in denen Psychiatrie-Erfahrene arbeiten und

  sich austauschen können.

- Bereitstellung von kostenloser Supervision für ehrenamtlich in der Selbsthilfe tätige Psych-

   iatrie-Erfahrene.

- Finanzielle Absicherung trialogisch getragener unabhängiger Beschwerdestellen, als Mittel

  der Qualitätssicherung (derzeitig arbeiten diese Stellen, dort wo es sie gibt, ohne jegliche

  finanzielle Unterstützung. Fahrtkosten, Telefon- und Portokosten müssen von den kostenlos

  ehrenamtlich Tätigen selbst getragen werden).

- Gesetzlich vorgeschriebene trialogisch besetzte Psychiatriebeiräte bei den Kreisen bzw. kreis-

  freien Städten und auf Landesebene mit festgeschriebenen Kompetenzen, um die Qualität

  psychiatrischer Hilfs- und Betreuungsangebote ständig zu überprüfen und somit auf Sicht zu

  verbessern.

 

Weitere Vorschläge zur Verbesserung Psychiatrischer Einrichtungen und

- Dienste durch SprecherInnen der LAG-NRW und anderer Psychiatrie-Erfahrener

- Durch zu häufiges Anfragen der Krankenkassen nach Entlassung, werden die Ärzte in ihrer

  Arbeit mit den Patienten behindert. Ca. 40% der ärztlichen Arbeitszeit wird für das Schreiben

  von Begründungen benötigt.

- Allgemein werden zu hohe Medikamentendosen verordnet, damit auf den Stationen alles

  schön ruhig bleibt. Besser wären mehr Gespräche mit den Patienten.

- Gleichstellung in der Behandlung wie somatische PatientenInnen:

   - Aufklärung über Wirkung und Nebenwirkung der Medikamente

   - Aufklärung über den Behandlungsverlauf und die -ziele

   - Sinnvolle Therapien während des Klinikaufenthaltes

   - Vorsorge- und Nachsorgeplan mit den PatientenInnen vor der Entlassung erstellen

   - Therapeutische Nachbehandlung bzw. Rehamaßnahme im Anschluss

  Diese und weitere Maßnahmen sollten vor allen Dingen für Ersterkrankte gelten.

- Für alle Kliniken sollten sinnvolle Behandlunsvereinbarungen vorgeschrieben sein. Patienten

  sollten schon vor ihrer Entlassung über die Möglichkeit informiert werden.

- Die professionelle Haltung:

   - Die professionelle Betreuung trägt kaum emanzipatorische Züge

   - Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Eigenständigkeit und Selbstverant-

     wortung werden zu wenig gefördert und aufgebaut

   - Zu wenig oder keine Hilfen zur Selbsthilfe, statt dessen Abhängigkeit von Pillen

   - Betroffene werden zu einer Art Konsumverhalten erzogen, an deren Ende sie zu eigen-

     ständigem Handeln überhaupt nicht mehr in der Lage sind.

   - Die Profis tragen so bewusst oder unbewusst vor allem zur Absicherung ihres eigenen Ar-

     beitsplatzes bei.

   - Die professionelle Distanz ist nicht in Augenhöhe, sondern hat eine vertikale Komponente,

     d.h. es findet oft kein gleichberechtigter menschlicher Dialog statt.

   - Oft erfährt der Betroffene durch diese professionelle Haltung eine Stigmatisierung   

     und Chronifizierung.

- Eine breit angelegte Antistigma-Kampagne ohne Beteiligung der Pharmaindustrie

- Schulung von PolizistenInnen und Krankenwagenbesatzung im Umgang mit psychotischen

  Betroffenen z.B. bei einer Einweisung, weil oft wird durch eine unsensible, autoritäre oder

  brutale Vorgehensweise ein großer Schaden angerichtet.

- Finanzierung der Selbsthilfearbeit der Selbsthilfegruppen und der LAG-NRW durch das Land

  NRW und die Landschaftsverbände

- Mehr gesundheitliche Aufklärung über psychische Erkrankungen für die Bevölkerung:

   - z.B.: Wie entsteht eine Psychose, Risikofaktoren, Frühwarnzeichen etc.

   - ca. 50% der Neuerkrankungen mit Psychose sind Drogenindiziert - Risikoaufklärung

   - hätte auch einen Antistigma-Effekt

   - Aber bitte nicht mit dem biologisch/genetischen Ansatz als Schwerpunkt, und ohne die

     Pharma-Industrie.

- Regelmäßige Veröffentlichungen der Zahl der Zwangsmaßnahmen in jeder Klinik, z.B.: 1x

  pro Quartal, als Mittel der Qualitätskontrolle. Je besser eine Klinik arbeitet, desto weniger

  ist sie auf die Anwendung von Zwang angewiesen.

Weitere Vorschläge einer Kölner Selbsthilfegruppe:

- Ambulante Dienste schaffen, die in Krisensituationen ins Haus kommen und deeskalierend

  eingreifen. In partnerschaftlicher Gesprächsatmosphäre wird geklärt, welche Probleme da

  sind und welche Hilfen gebraucht werden. Der Betroffene sucht sich aus dem Team seinen

  Casemanager aus, der für ihn zuständig ist und die weiteren Hilfen organisiert. Sehr oft kann

  so ein Klinikaufenthalt vermieden werden. (Beispiel Finnland)

- Keine Sektorisierung der Kliniken, sondern Patienten haben freie Wahl der Klinik. Vorteil

  u.a. mehr Wettbewerb.

- Mehr Personal, mehr persönliche Begleitung, weniger Medikamente, mehr Therapie, mehr

  Körpertherapien - sensorische Integration und Tanztherapie

- Mehr Mitbestimmung, -Einzelgespräche und -Information

- Abgeschlossene Telefonzelle, Psychotherapie, Aufarbeiten der Psychoseinhalte, weg vom

  biologischen Ansatz, hin zu Lebenskrisen sensibler Menschen.

  Umsetzung von echten Soteriaprojekten. Es muss möglich sein, dass die Betroffenen ihre

  psychotische Krise als sinnvolle Erfahrung erleben. Schutz und Klima schaffen, für erweiterte

  Bewusstseinszustände, für Zustände, die dem Normalen Wachbewusstsein zunächst fremd er-

  scheinen. Personal schulen, die mit liebender Fürsorge und mit Respekt vor dem deutlich

  unterschiedlichen Geisteszustand eines anderen Menschen, und besonderes Verständnis für

  die Notwendigkeit der subtilen Qualität des nicht eingreifenden Zulassens. Einfach nur da

  sein und schützen. Psychotherapie nach Ronald Laing und Benedetti. Forderung nach

  Psychosetherapie, wie sie teilweise im Ausland praktiziert wird.

Landesverband Psychiatrie-Erfahrener NRW, Gußstahlstr. 33, 44 793 Bochum, Matthias.Seibt@ruhr-uni-bochum.de.

Erstkontakt: 0231 / 97 61 7 81, Psychopharmaka-Beratung 0234 / 640 5102. Dieses Papier steht

unter www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de, dort Lesenswertes, im Internet.