Landesverband Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V.
Gußstahlstr. 33, 44 793 Bochum – Tel.: 0234 / 640 5102
Forderungen Psychiatrie-Erfahrener anlässlich des
Kongresses im Landtag NRW am 18.03.2004
"Weil der Mensch ein Mensch ist...
Die Zukunft der Gemeindepsychiatrie in NRW"
Verständnis von psychischen Krisen und sog. Psychosen
§ Wir wenden uns gegen ein medizinisches Krankheitskonzept, dass Psychose-Erfahrenen im Wesentlichen defizit-orientiert vermittelt, dass sie wie defekte Stoffwechselmaschinen lebenslang krank seien und dauerhaft Neuroleptika zu nehmen hätten.
§
Wir fordern ein ganzheitliches Verständnis
psychischer Krisen,
- das die Biographie und die aktuelle Lebenssituation der Betroffenen
einbezieht, wie etwa Tod, Trennung, Arbeitslosigkeit, Armut, Umzug, sexuelle
und andere Gewalterfahrung. Wir sehen eine Psychose als Versuch, ein neues
Lebenskonzept zu finden, nachdem die alten gescheitert sind.
Neuroleptika und Alternativen
§ Psychische Krisen können bei achtsamen Umgang und Erfahrung bewusst beeinflusst und gesteuert werden.
§ Die meisten Ver-rücktheits- oder Niedergeschlagenheitszustände sind nicht so schlimm, als dass sie die vorbeugende Einnahme hochriskanter Neuroleptika oder Antidepressiva rechtfertigen.
§ Auch eine generelle Ablehnung von Psychopharmaka zur Behandlung von Psychiatrie-PatientInnen muss respektiert werden, solange kein alternativer Umgang z. B. Intervallmedikation angeboten wird (Neuroleptika nur in akuten Phasen, anschließend Ausschleichen und Aufarbeitung der Psychoseinhalte). Anders sieht dies beim Absetzen von Psychopharmaka aus, wenn man sich oder andere massiv geschädigt hat. Man sollte sich vor dem Beginn des Absetzens ziemlich sicher sein, dass nicht wieder eine schwere akute Krise auftritt.
Umgang mit und Vermeidung von Zwang und Gewalt in der Psychiatrie
Zwang, Gewalt, Freiheitsentziehung und Unterdrückung von Symptomen durch Dauermedikation erzeugen mehr Schaden als Nutzen und hemmen die gesundheitliche Entwicklung.
§ Wir fordern Angebote mit menschlicher Wärme und Zuwendung, wo Betroffene auch in der Krise ernst genommen werden, wo man zuhört und auf die Probleme eingeht, welche die gegenwärtige Krise ausgelöst haben.
§ Eine Haltung und ein Krankheitsverständnis, das nach den Genen sucht, die die Krise verursachen, führt zu entmutigenden Einstellungen und Haltungen von dauerhafter und unheilbarer psychischer Erkrankung. Gefordert sind in der Psychiatrie Tätige, die sich auf Gespräche und Veränderungsmöglichkeiten und Ressourcen von Betroffenen einlassen.
Notwendig sind
§ Deeskalationsstrategien statt Zwang
§ Soteria-Angebote
§ Einhaltung des in der Personalverordnung für die Psychiatrie vorgegebenen Personalschlüssels
§ Anerkennung weiterer psychotherapeutischer Verfahren (auch körpertherapeutischer Verfahren)
§ Berücksichtigung von Vorsorgevollmachten, Patientenverfügungen, Behandlungsvereinbarungen
§ Psychoseseminare mit gleichberechtigter Mitwirkung (auf neutralem Gebiet: in VHS, UNI - aber nicht in einer Klinik) bzw. Trialogische Gespräche
§ Unabhängige Beschwerdestellen für Psychiatrie
Menschenbild und Haltungen: Anforderungen an die
Hilfegewährung (Welche Haltungen möchten Betroffene erleben, welche hätten in
Krisensituationen geholfen?)
Zur Qualität der psychiatrischen Behandlung befragte der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e. V. 1995 seine Mitglieder. In den Antworten wurde der bestehenden Psychiatrie eine nahezu als “vernichtend” zu bezeichnende Absage erteilt. Denn nur 10 % der Antwortenden gaben an, dort Hilfe zur Lösung der Probleme gefunden zu haben, die zur Psychiatrisierung geführt hatten. Häufig kam es zur Verletzung der Menschenwürde. Es gab - wie rechtlich vorgeschrieben - keine umfassende Aufklärung über Behandlungsrisiken.
§ Deshalb fordern wir Alternativen zur Psychiatrie sowie eine subjektorientierte stationäre und komplementäre Psychiatrie, die endlich von unseren Erfahrungen und unserem Erleben im Zusammenhang mit unserer Lebensgeschichte ausgeht und Dialog sowie Hilfe zur Verarbeitung von belastenden psychosozialen Problemen anbietet.
§ Wir wollen uns unbefangen mit unseren Krisen und Problemen sowie den in ihnen innenwohnenden Reifungsmöglichkeiten befassen und dabei für unsere “Störungen” unsere eigenen Worte finden.
§ Wir pochen darauf, dass wir in unserer Andersartigkeit oder während einer Krise nicht auf Symptome reduziert, sondern als Menschen mit all unseren Bürgerrechten respektiert werden. Und wir möchten zeigen, dass Anderssein oft mit wertvollen Fähigkeiten und besonders ausgeprägter Sensibilität verbunden ist.
§ In psychiatrischen Kliniken und Einrichtungen sollte eine therapeutische Beziehung von klar zugeordneten Bezugspersonen mit gegenseitiger Wertschätzung, Empathie und Echtheit aufgebaut und sich mehr nach den Bedürfnissen der Betroffenen gerichtet werden.
§ Zur Betreuung wünschen wir uns neben den Professionellen auch ehemals Betroffene und Laien mit hohen menschlichen Qualitäten, die mehr Verständnis für besondere Situationen psychisch erkrankter Menschen aufbringen können.
Wir fordern
§ Mehr Hilfe zur Selbsthilfe, ohne Abhängigkeit von Psychopharmaka
§ Stärkung von Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein, Eigenständigkeit und Selbstvertrauen statt Machtausübung durch die Psychiatrie.
AG 1. Psychische Krisen durch individuelle Begleitung bewältigen - Innovative milieutherapeutische Projekte für akut psychotische Menschen
§ Die psychiatrische Versorgung in Deutschland braucht ein größeres Angebot an psychose-begleitenden Einrichtungen: ambulante Krisenteams, Krisenbetten und Krisenhäuser.
§ Ambulante Krisenteams sollten – rund um die Uhr – Menschen in schweren psychischen Krisen aufsuchen, zusammen mit dem Betroffenen und seinen Angehörigen und Freunden die weiteren Maßnahmen beraten und organisieren sowie die weitere Entwicklung begleiten.
§ Eine auf Akzeptanz des psychotischen Welterlebens sowie auf partnerschaftliche Beziehungen begründete therapeutische Haltung ist eine effektivere Hilfe für Menschen in akuten psychischen Krisen als Institutionalisierung, hoch dosierte Psychopharmaka, reglementierende Programme oder andere Arten von Zwang.
§ Für das Dabeisein in psychotischen Krisen ist erlernbare Fachkompetenz weniger wichtig als grundlegende menschliche Qualitäten, vor allem eine spezifisch psychoseorientierte Empathiefähigkeit, gepaart mit Feinfühligkeit und psychischer Robustheit. Dazu sollte ein Ausbildungsgang Bewusstseinspflege konzipiert und als gleichwertig neben der Krankenpflege etabliert werden, der auch Menschen ohne psychiatrische Vorbildung offen steht. Dort können auch Psychiatrie-Erfahrene, die ihre Krisen bearbeitet haben, ihre Erfahrung einbringen.
§ Regelmäßige Supervisionen für alle therapeutischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten obligater Bestandteil jeder psychiatrischen Einrichtung sein.
§ Jede psychiatrische Fachabteilung bzw. jedes Psychiatrische Krankenhaus sollte Soteria-Stationen eröffnen.
§
Soteria-Elemente
sollten auf allen allgemein-psychiatrischen Stationen eingeführt werden:
- beruhigendes, entspannendes, freundlich - wohlwollendes Klima mit Abschirmung
von verwirrenden
Reizen (u. a. Weiches Zimmer)
- kontinuierliche Stützung in tragenden menschlichen Beziehungen
- Ermöglichung psychotische Krisen als sinnvolle Erfahrungen zu erleben
- Zurückhaltung mit Diagnosen, Psychopharmaka und dem Glauben an eine
allmächtige
psychiatrische Fach- und
Regelungskompetenz.
AG 2. Die Fragmentierung im Hilfesystem aufbrechen – konsequent vom Erkrankten her handeln – Übergang vom stationären zum ambulanten Bereich flexibler gestalten
§ Ambulant vor stationär auch für psychiatrische PatientInnen; sie sollen zwischen ambulant und
stationär wählendürfen und können.
§ Einsetzen einer Heimenquête, um das Heim(un)wesen öffentlich auf den Prüfstand zu stellen.
§ Schluss mit der Ghettoisierung von Psychiatrie-Erfahrenen in gemeindepsychiatrischen Subkulturen (Heim, WfbM, Tagesstätte).
§ Grundrecht auf ausreichenden Wohnraum mit und ohne Handicap. - Schluss mit Wartezeiten von 6 - 12 Monaten.
§ Recht auf Hilfe und Unterstützung zur dauerhaften Stabilisierung, die eine Weiterbehandlung erübrigt.
§ Unbürokratische Genehmigung von Kurmaßnahmen zur Unterstützung psychischer und physischer Stabilisierung bzw. Förderung positiven Stressmanagements.
§ 6 Forderungen zur stationären Psychiatrie: Patiententelefone in Kabinen auf den Stationen, zugänglicher Münzkopierer, (Brief)Papier und Briefmarken, BPE-Flugblattaushang auf den Stationen, täglicher Spaziergang, jederzeit zugängliche Teeküche auf jeder Station.
§ Wir fordern eine bessere/andere professionelle Haltung. Auch ein personenzentrierter Ansatz kann eine schlechte Haltung nicht ausgleichen.
§ Eine Absicherung des eigenen Arbeitsplatzes der Professionellen darf bewusst oder unbewusst nicht im Vordergrund stehen.
AG 3. Verbindliche und verantwortliche Beteiligung von Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen
§ Unabhängige Beratung von Betroffenen für Betroffene(z. B. Psychopharmaka-Beratung des BPE)
§ Empfehlung an niedergelassene PsychiaterInnen und PsychotherapeutInnen zur Kooperation mit Selbsthilfegruppenund ambulanten und komplementären Diensten
§ kostenloseFortbildungundSupervisionfür in derSelbsthilfe ehrenamtlich Tätige(sowie Aufwandsentschädigung, ggf. subventionierte Arbeitsplätze im Rahmen der Teilhabe an Arbeit)
§ Mitwirkung in PSAG, Arbeitsgruppen und Beiräten
§
Gesetzliche Regelung für trialogisch besetzte Psychiatriebeiräte
in allen Kreisen und kreisfreien
Städten
§ Gut erreichbare, unabhängige Beschwerdestellen für Psychiatrie
§ Psychoseseminare
§ Trialogische Gespräche
§ Mitwirkung an der Fort- und Weiterbildung/Schulungvon in der Psychiatrie Tätigen, Polizei, ÄrztInnen, Pflegepersonal, PsychologInnen, LeherInnen und von SchülerInnen
§ Anhörung bei Gesetzesänderungen, Einbeziehung in alle entscheidenden, vor allem auf Bundesebene arbeitenden Gremien zu psychiatrischen Themen
§ Beteiligung bei der Entwicklung von Qualitätskriterien und Instrumenten der Qualitätskontrolle.
§ Empowerment
statt Betreuung und Bevormundung.
(Motto: Frage einen Erfahrenen und keinen Gelehrten.)
AG 4. Vorrang von ambulant vor stationär auch in der Akutversorgung sicherstellen: Stand der Krisennotdienste und deren Finanzierung durch die Kostenträger
§ flächendeckendeverlässlicheKrisenhilfe und Krisenintervention unter Einbeziehung der Selbsthilfegruppen der Psychiatrie-Erfahrenen und aller ambulanten Dienste, nach dem Berliner Modell (unbürokratisch, anonym, jederzeit erreichbar, Arzt im Hintergrund). Eine Vernetzung von Polizei, Feuerwehr, Telefonseelsorge, sozialpsychiatrischem Dienst mit den Selbsthilfegruppen der Psychiatrie-Erfahrenen ist anzustreben. Allein die Begleitung durch einen Psychiatrie-Erfahrenen kann bereits deeskalierend wirken.
§ Finanzielle Absicherung von Projekten, die von Psychiatrie-Erfahrenen selbst entwickelt wurden, wie z. B. rund um die Uhr geöffnete Cafes, in denen Psychiatrie-Erfahrene arbeiten und sich austauschen können.
§ Bereitstellung niederschwelliger Krisen- und Interventionsdienste mit Notfallbetten.
§ Versorgung in Akutkrisen zu Hause ambulant (siehe Erfahrungen in Skandinavien)
AG 5. Betreutes Arbeiten statt Betreutes Wohnen? Arbeit und Stabilisierung – wir brauchen einen subventionierten Arbeitsmarkt
§ Menschen definieren sich in der heutigen Gesellschaft über Beruf und Arbeit. Warum wird diese Möglichkeit Menschen mit psychischen Erkrankungen abgesprochen?
§ Arbeit sollte und braucht keine "AUF- GABE" zu sein. Auch nicht im Sinne "sich selbst aufgeben", sondern sollte Inhalt sein, also "ein sich fest halten" und wenn dies nur in Form einer Tagesstruktur ist.
§
Einen Sinn, einen Inhalt, sich nicht
nutzlos zu fühlen und Anerkennung durch und mit adäquater Arbeit
zu finden ist ein gesundheitlicher positiver Effekt (Nebenwirkung), der
maßgeblich
a) die psychische Stabilität beeinflusst
b) letzten Endes zur Antistigmatisierung ("die wollen ja nicht...")
beiträgt.
§
Stigmatisierung geht oft auf dem "Behinderten -
Arbeitsmarkt" weiter (WfbM).
Werkstätten können der Anfang aber auch das Ende einer beginnenden beruflichen
Entwicklung sein.
§ Zur persönlichen und gesundheitlichen Weiterentwicklung ist der Kontakt und der Austausch zu "gesunden" Menschen erforderlich und förderlich (bspw. durch Arbeit). Außerhalb von Wohnheimen zu arbeiten oder die Möglichkeit Praktika zu bekommen, ist aufgrund mangelnder Angebote aber auch aus Kostengründen seitens der Träger oftmals schwer zu realisieren.
§ Im Sinne einer Gleichstellung behinderter /nicht - behinderter Menschen: Arbeit statt Sozialhilfe (durch Arbeitsangebote auch für psychisch erkrankte Menschen!).
AG 6. Behandlungspflege und Soziotherapie als Brücken zur selbstständigen, normalen Lebensführung in der gemeindenahen Versorgung umsetzen
§ Die Gefahr der emotionalen Abhängigkeit von ein bisschen regelmäßiger Zuwendung durch Professionelle ist sehr groß.
§ Behandlungspflege zu Hause sollte ein Patient auch ablehnen können.
§ Bei der Medikamentengabe muss die freiheitliche Entscheidung zur Einnahme oder Ablehnung, gewährleistet sein.
§ Erstes Ziel für eine Soziotherapie sollte es sein, überflüssig zu werden.
§ Die Soziotherapie sollte ihr Aufgabengebiet nicht zu umfangreich sehen, sondern sich auf das Wichtigste beschränken.
AG 7. Ausrichtung der Hilfestrukturen für KlientInnen mit Migrationshintergrund
Wir fordern:
§ Bereitschaft zur Empathiefähigkeit der Deutschen gegenüber den MigrantInnen
§ Eine Multi-Kulti-Identität bzw. Patchworkidentität wird hier oft als pathologisch betrachtet. Wissenschaftliche Untersuchen haben ergeben, dass dies so nicht sein muss. Deshalb: Keine automatische Übertragung von Diagnosen für Menschen aus anderen Kulturen (Türkei, Indien, China). Deshalb: Fort- und Weiterbildung für in der Psychiatrie Tätige.
§ Einstellung von MigrantInnen im psychiatrischen Bereich als PsychiaterInnen, Pflegepersonal, PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, Ergo- oder SporttherapeutInnen.
AG 8. Weiterentwicklung der geschlechtsspezifischen Hilfen und deren Integration in das Hilfesystem
Ca. 20% aller Frauen haben als Kind oder später geschlechtsbezogene Gewalt in einem Ausmaß erlebt, dass ihre Gesundheit beeinträchtigt wurde, d.h. sie landen zu einem großen Prozentsatz irgendwann in der Psychiatrie.
§ Schutz- und Rückzugsräume für Frauen als Standard für alle Psychiatrien mit rein weiblichem Personal und frauenspezifischen Therapien.
§ Frauenspezifische Gewalterfahrung, wie z. B. sexualisierte Gewalt, dürfen nicht negiert und tabuisiert werden; diese Frauen dürfen in der Klinik erst recht keiner erneuten Gewalterfahrung ausgesetzt sein.
§ Der Psychopharmakaeinsatz darf nicht - wie die Regel - statistisch höher als bei Männern liegen.