Ich kann wieder denken, reflektieren und mir wird so vieles klar. Wie ist es eigentlich zu all dem gekommen, zu dem Psychiatrie und Medikamentenwahnsinn und dazu, daß ich fast zehn Jahre mein Leben aus den Augen verloren habe und hinter Mauern im Dunkeln gelebt habe?
Ich hatte einen Unfall und dabei einen Schock, ein Trauma erlitten. Ich wurde wegen meines Schleudertraumas bei einem Arzt mit Reizstrom behandelt. Das habe ich nicht vertragen und ich riß mir die Kabel vom Leib. Eigentlich eine ganz normale Reaktion in dieser Situation. Mein Arzt schickte mich zu einer Nervenärztin. Ich war jung, zwanzig, wollte alles alleine schaffen, auf keinen Fall die Eltern um Hilfe bitten. Da saß ich vor dieser Ärztin und war fix und fertig. Ich bat um Hilfe, um eine Psychotherapie, ich hatte auch andere Dinge meines Lebens aufzuarbeiten, die durch den Unfall irgendwie hochgekommen sind. Ich war sehr unruhig und hatte schon immer die Art, meiner Seele Bilder zu geben. Sie wollte sich auf keine Therapie einlassen, sondern sprach immer nur von Medikamenten, Neuroleptika. Ich wollte das nicht und ging frustriert nach Hause. Ich ging aber in meiner Not immer wieder zu ihr hin und fragte nach einer Therapie. Eines Tages ist es dann passiert. Ich wurde festgehalten und man gab mir eine Depotspritze Imap. Ich weinte und schrie dabei. Ich wollte das nicht. Zwei Tage später bekam ich von dem Zeug einen schlimmen Krampf im ganzen Körper, nachdem ich zuvor eine unglaubliche Panik empfand. Ich kam ins Weidenauer Krankenhaus und mir wurde Akineton gespritzt. Am nächsten Morgen war mein ganzer Körper weich wie Butter und ich konnte kaum aufstehen. Ich bekam wieder einen Krampf und wieder wurde mir Akineton gespritzt. Dann saß ich da vor der Ärztin und war total benommen, konnte kaum reden, nur noch lallen. Sie brauchen Medikamente, sagte sie.... .
Ich wurde wieder entlassen, mußte aber noch Akineton einnehmen, wegen der Depotspritze... . Ich bekam auch Neuroleptika mit nach Hause, nahm sie aber nicht.
Das bekam mir ganz und gar nicht. Es ging mir immer schlechter und als ich das A. irgendwann absetzen konnte, war das mit großen Schwierigkeiten verbunden. Ich bekam Herzrasen und ungeheure Unruhe. Ich kam davon nicht runter. Ich war körperlich am Ende. Ich kroch quasi zu der Nervenärztin und sagte ihr, daß ich Hilfe bräuchte, um von dem Akineton runter zu kommen. Sie sagte, in Marburg sei eine gute Klinik, die würden das schon machen. Ich glaubte ihr und war wieder zuversichtlich. Ein paar Tage später kam ich dort an. Mein Freund hat mich hingefahren. Ich hatte sofort ein Gespräch mit der Stationsärztin und dachte, das es gut sei, das endlich jemand mit mir reden würde. Ich hielt das für den Anfang einer Psychotherapie. Doch die Ärztin stellte mir komische Fragen. Sie fragte, ob ich schon einmal über Suizid nachgedacht habe und ich gab ihr zur Antwort, daß das wohl jeder Mensch in seinem Leben mal tut. Ich sagte weiter, daß ich mich aber nicht umbringen wolle. Sie fragte mich, warum ich das jetzt nicht wolle und ich sagte daraufhin, weil die Sonne scheint. Dann war das Gespräch beendet. Das erste, was dann passierte, war, daß man mir dort wieder Neuroleptika geben wollte. Ich bemerkte, daß das wohl ein Mißverständnis sei und daß ich zur Entgiftung gekommen sei. Man lächelte mich an, der Richter kam, ich landete auf der Geschlossenen. Man begründete das später mit extremer Suizidgefährdung. Wahrscheinlich glaubten die, daß ich mir das Leben nehmen könne, sobald es anfinge zu regnen, dabei meinte ich doch etwas genz anderes mit der Sonne... . Meine Eltern holten mich noch am selben Tag da raus. Das ging, weil ein Arzt mir glaubte und sagte."Und wenn mich das meinen Job kostet, ich laß sie raus."Ich war wieder zu Hause und hatte Angst. Ich hatte Angst davor, daß jemand kommen und mich einsperren würde. Von Ärzten wollte ich nichts mehr wissen. Ich verkroch mich, hatte Alpträume. Ich ging arbeiten in einer Fabrik. Eines Tages bekam ich Magenprobleme und suchte doch einen Arzt auf. Der redete dann wieder nur von Psychose. Er gab mir Tabletten für den Magen. Da kam alles wieder in mir hoch. Die Demütigungen, die Mißhandlungen, die Freiheitsberaubungen... .
Ich war auf einmal wie gebrochen und erstarrt. Ich war verzweifelt. Ich versuchte mich umzubringen, wie von Geisterhand gelenkt, obwohl ich nichts als leben wollte. Ich nahm Abflußfrei, welches ich in die Tablettenhülsen der mir verordneten Magenpillen füllte. Die Zeit auf der Intensivstation war voller grausamer Schmerzen. Ich hörte vom Nebenraum her die Ärzte reden. Das überlebt sie wohl nicht. Hier fing ich an zu beten. Ich wollte leben! Ich schaffte es. Ich überlebte. Danach fing ich mein Kunststudium an. Es war eigentlich eine gute Zeit, doch das, was geschehen war, konnte ich weder vergessen, noch verdrängen. Ich trug es schwer mit mir herum und es hinderte, mich zu entfalten und mit Mut und Freude zu studieren. Ich merkte, daß ein Teil meiner Seele wie tot, abgetrennt war. Dann traf ich einen Therapeuten, der mir helfen wollte. Ich war froh. Die erste Zeit war es sehr wohltuend, über alles zu reden, doch der Therapeut behandelte mich schlecht. Er demütigte mich auf andere Weise, er nahm mir meine Freiheit, er beschuldigte meine Eltern aufs schlimmste und machte mich immer abhängiger von sich. Ich geriet in Trancezustände und halluzinierte. Meine Not wurde größer, anstatt kleiner. Am Ende schlug er mich. Ich geriet völlig aus der Bahn, kam aber von diesem Therapeuten nicht weg. Schließlich eskalierte alles und ich landete wieder in Weidenau. Ich wurde mit einem Krankenwagen abgeholt und nahm mir vor, einfach nicht mehr zu atmen. Als der Krankenwagen vor der Tür der Psychiatrie hielt und die Wagentüren geöffnet wurden, riß ich mir die Infusion heraus und versuchte wegzulaufen. Vier Pfleger holten mich ein, packten mich und trugen mich auf die geschlossene Station. Ich versuchte noch, mich am Türrahmen festzuhalten. Fixierung. Spritze. Am nächsten Morgen kam ich zu mir und sah, daß ich voller blauer Flecken an den Armen war und fühlte mich seltsam leer. Ich wehrte mich nicht mehr, war wie gelähmt vor Kälte. Ich dachte nur noch so etwas wie: "Sollen die doch...". Hier bekam ich wieder Pillen. Ich nahm sie einfach. Ich war fertig.
Die Pillen hatten verheerende Wirkung. Meine Not wurde eingesperrt, ich wurde durch die Pillen eingesperrt, meine Seele. Ich schrie oft, bekam große Angst. Ich glaube jetzt zu wissen, was das war. Das war mein Schrei aus dem Medikamentengefängnis, mein Schrei aus der Kälte. Mein Schrei nach Hilfe, daß mich jemand da raus holt. Das war mir damals und Jahre später so nicht bewußt. Pillen, Klinikmauern sind kalt, bedeuten Unfreiheit, Unmündigkeit. Ich war so freiheitsliebend, so intensiv, so sensibel... .
Meine Psyche veränderte sich so, daß ich Angst bekam, aus dem grausamen Gefühl innerer Unfreiheit heraus. Ich erlebte eine Art Spaltung. Irgendwie verließ meine gefangene Seele den Körper und floh in andere Welten. Ich halluzinierte und nahm teilweise andere Persönlichkeiten an in denen ich außerhalb des Gefängnisses zu leben versuchte. Auch, wenn diese anderen Persönlichkeiten oft nicht glücklich waren, sondern große Angst hatten, so waren sie doch freier. Sie ermöglichten mir fühlbare Schreie, oder später auch z.B. das zufriedene Glucksen eines Säuglings. Damit war die Diagnose für die Psychiater perfekt: Paranoide Schizophrenie. Neuroleptika machen also auch "verrückt". Eigentlich ist ein "Verrücken" doch ein gesunder Mechanismus einer leidenden Seele. Sich aus der Leidensebene befreien, den Zustand wechseln, sich aus etwas herausspalten. Eine Erweiterung der Erfahrensmöglichkeiten , vielleicht die Suche nach einem anderen Ausdruck der inneren Not, oder einfach ein Spiel mit den eigenen seelischen Möglichkeiten. Manche sind ja auch einfach nur glücklich in solchen Zuständen. Warum will sie jemand daran hindern? In anderen Kulturen gibt es höchste Anerkennung für solche Fähigkeiten.
Je mehr ich bekam, desto mehr schrie ich. Immer mehr Pillen. Eine ganze Hand voll am Tag. Wenn ich besonders laut und lang schrie, gabs Haldol aus der Spritze und dieses leichte, leere Gefühl für eine kurze Zeit. Ich konnte nicht mehr gehen, kaum sehen, nicht sprechen. Ich blieb lange im Krankenhaus. Irgendwann kam ich raus. Ich nahm jetzt die Pillen. Leponex und andere. Ich habe die Geschichte abgekürzt. Ich habe in den Krankenhausaufenthalten, es waren viele, fast alle Medikamente durchgemacht und irgendwann auch willig und ohne Reflexion genommen. Am Ende kam Leponex. Ich bekam lange so viel davon, daß reflektieren, denken unmöglich war. weiter Bewegung oder fühlen, geschweige denn lieben.... .
Mir geht noch etwas seltsames durch den Kopf. Im Krankenhaus hatte ich immer das Gefühl, ich käme nicht mehr heraus, wenn ich irgendetwas falsches sagte oder tat. Eine Begebenheit auf der Geschlossenen Station, beim essen, beschreibt das vielleicht ganz gut. Eine Mitpatientin spuckte ihre Tabletten, die damals noch beim Essen ausgeteilt wurden immer unter den Tisch. Ich sah das und hätte es gerne genauso gemacht, traute mich aber nicht, weil ich große Angst hatte, was die Pfleger mit mir machen würden, wenn sie es bemerken würden. So paßte ich nur auf wie ein Luchs, daß meiner Freundin nichts passierte... . Ich hatte einfach das Gefühl von unberechenbarer Autorität.
Ich fing an, meine "Mißhandlungen" als Normalität zu empfinden und freute mich wie ein Kind über kleine Zuwendungen von Schwestern oder Ärzten. Ich bin zu oft auf diese gutmütigen "Wir-wollen-ihnen-helfen-Gesichter" hereingefallen. Jetzt halte ich mich wieder an mich selbst und an Menschen, die wirklich welche sind.
Es ist doch komisch, daß mir das in dem Moment wieder wie selbstverständlich möglich ist zu durchschauen, wo ich nicht mehr unter dem Einfluß hochdosierter Neuroleptika stehe.
Eigentlich gab es mich nicht mehr. Dann begann ich mit der Musiktherapie. Ich fand ein kleines Fenster im Dunkeln. Mir wurde als Mensch begegnet, mit Klängen und Wärme. Das drang irgendwann zu mir durch. Wir arbeiteten fleißig und ich lernte ein Gefühl von dem, was ich war. Aber auch nicht richtig, nicht genug. Die Medikamente waren im Weg. Das wußte ich mittlerweile nicht mehr. Ich hatte Angstzustände und fühlte mich schrecklich. Ich dacht, die Medikamente würden mir helfen, mich nicht noch schrecklicher zu fühlen, wie es mir immer deutlich vermittelt wurde. Ich fragte aber auch meine Ärztin, ob die Medikamente Folgen für mich haben könnten, etwas mit meinem Gehirn anstellen könnten, oder sonstwas. Sie sagte immer, daß sie das natürlich nicht täten und das diese Gedanken unrealistisch, eher psychotisch seien. Ich drängte in den Jahren immer wieder auf weniger Medikamente, bis ich schließlich bei 175mg Leponex angekommen war. Ich sagte meiner Ärztin, daß ich mir nicht vorstellen könne, daß so eine Dauermedikation gesund sein könne. Je weniger ich bekam, desto mehr blickte ich nämlich wieder durch, desto besser ging es mir. Ich wollte weiter runter, spürte wieder Kräfte, Lebensmut in mir. Ich fing an, mich wieder zu wehren. Ich bat andere Ärzte um Unterstützung, weiter zu reduzieren und einen Absetzversuch zu machen, doch fand niemanden. Zuerst sagte meine Ärztin zu, dann machte sie wieder einen Rückzieher. Monatelang bettelte ich Wände an. "Weiter können Sie nicht runter", sagte sie, "sie brauchen noch immer Akutdosen" Mein Clozapinspiegel wurde natürlich regelmäßig kontrolliert und ständig wurde ich daran erinnert doch ja alles einzunehmen. Ich wurde jetzt endlich wieder richtig wütend. Ich sagte der Ärztin, daß ich dieses Leponexgefühl nicht mehr aushalte. Nach sieben Jahren wehrte sich wieder etwas in mir. Ich trat im Sprechzimmer der Ambulanz nach einem Stuhl und schlug die Tür. Heulend wütend lief ich über den Flur und sagte laut, daß das hier eher eine Folteranstallt sei, als sonst was und daß ich hier eine Bombe legen könnte. Sie drohte mir an, daß gleich jemand von Station komme und mich abhole, wen ich nicht ruhig wäre, ich würde andere kranke Menschen stören und beängstigen mit meinen nicht zu überhörenden Äußerungen. Ich war verzweifelt und frustriert und einige Zeit später stimmte ich einer Medikamentenumstellung zu, mit dem Hintergedanken, später so und so auf eigene Faust abzusetzen. Ich ging zur Umstellung ins Krankenhaus und alles lief schief.
Teil 2
Ich bin mir beim schreiben bewußt darüber, daß ich nicht alles haarklein genau darstellen kann und auch gewiß manches auslasse oder den Wortlaut nicht genau wiedergebe. Ich verweise darauf, daß es mir hier auf den Sinn, den Grundtenor des Geschehenen ankommt. Weiter liegt es mir fern, alles und jeden kritisieren zu wollen. In vielen Situationen wurde ich von Menschen in der Zeit meines Aufenthaltes gut und mit Wärme, soweit die in diesem Rahmen möglich ist, behandelt. Auch bin ich mir bewußt darüber, daß auch ich Fehler gemacht habe.
Ende März ging ich nun zur Medikamentenumstellung ins Krankenhaus. Ich dachte: "Das bringe ich schnell hinter mich". Vor der Umstellung hatte ich mit meiner Ärztin darüber gesprochen, ob meine Musiktherapie, die mir sehr wichtig ist, während der Zeit im Krankenhaus weiter laufen könne, wie es immer war. Sie sagte, daß das wohl nicht ginge und ich mich nach den Gegebenheiten der Station richten müsse. Ich solle die Entscheidung der Station überlassen. So fragte ich bei der Aufnahme den Psychologen, ob das möglich sei und der antwortete mir, daß ich das machen könne. Das hat mich sehr gefreut. Kurze Zeit später sagte man mir aber, man habe mit meiner ambulant behandelnden Ärztin gesprochen und es sei doch nicht möglich. Das dazu.
Ich sollte auf Solian umgestellt werden. Am zweiten Tag bekam ich die erste halbe Tablette, überlappend mit dem Leponex. Am Morgen darauf bemerkte ich, daß meine Hände und Füße pitschnaß waren. Ich dachte, das gibt sich schon wieder... . Weiter fiel mir auf, daß ich am morgen beim Wecken sofort hellwach war, was ich sonst nicht kenne. Ich habe mir aber weiter keine Gedanken gemacht. Wenige Tage vergingen, bis ich mir sehr seltsam fühlte. Ich bekam so einen Kopfdruck und mein Körper schien mir eine Festung zu sein. Das machte mir auch Angst. Ich merkte auch, daß ich keine "Gefühle im Bauch" mehr hatte. Ich ging irgendwann ins Dienstzimmer und sagte, daß ich mich schrecklich fühle und es an den Medikamenten liegen müsse, ich sagte, daß etwas nicht stimme. Eine Schwester sagte, ich hätte nur Angst und sollte eine Tavor nehmen. Ich sagte, es wäre keine Angst, etwas mit meinem Körper stimme nicht. Sie gab mir die Tablette. Erst wehrte ich mich dagegen, nahm sie aber irgendwann, um keinen Ärger heraufzubeschwören. An meinem Zustand änderte sich dadurch rein gar nichts. Es wurde schlimmer. Ich hatte ein paar, wie ich es empfand, gute Gespräche mit meiner behandelnden Ärztin. Es ging um inhaltliche Sachen, um den Zustand meiner Seele sozusagen. Wir redeten etwas darüber, was eigentlich mit mir in den Jahren passiert war. Bis hierher war mir einiges klargeworden aber noch nicht genug.
Ich bemerkte eine Steifheit im Hals und in meinem Blick. Bei der Arbeit in der Druckerei wurde plötzlich alles ganz langsam und dann bekam ich richtige Blickkrämpfe. Ich sagte das wieder im Dienstzimmer, doch man sagte mir, das könne nicht sein. Tage später kam in einem solchen Zustand ein Pfleger mit dem Beipackzettel vom Solian zu mir und sagte nach dem Lesen, das könne doch sein. Dann bekam ich Akineton, wenn die Blickkrämpfe auftraten. Ich habe später in Erfahrung gebracht, daß es bei der überlappenden Umstellung von Leponex auf Solian zu solchen Komplikationen kommen kann. In den Visiten sprach ich jetzt öfter an, daß ich mich schlecht fühle und irgend etwas wohl nicht so gut vertragen würde. Außerdem sprach ich immer wieder meine nassen Hände und Füße an und daß ich so etwas von mir nicht kenne. Man sagte mir, daß es sich um vegetatives Schwitzen aus Angst handeln würde. Ich sagte, daß ich das nicht denke, sondern daß das etwas mit dem Solian zu tun haben müsse... . So ging es weiter. Irgendwann bemerkte ich, daß mein Pulsschlag so langsam war. Ich hatte sonst einen Puls von um die 100, jetzt waren es nur noch um die 50. Das sagte ich einer Schwester. Sie maß dann um die 60 und sagte, alles sei O.K. Ich fühlte mich gar nicht O.K. Mein Kopf fühlte sich an, wie Beton und ich spürte, daß ich eben fast nichts mehr spürte, was mich fast wahnsinnig machte. Drei Tage vor meiner Entlassung fiel ich plötzlich in eine absolute Schlaflosigkeit. Plötzlich ging da nichts mehr. Die erste Nacht verbrachte ich wach im Bett. In der zweiten Nacht meldete ich mich so gegen 2 Uhr im Dienstzimmer. Man schickte mich zurück ins Bett. Ich sagte, das da etwas ganz und gar nicht stimme... . Die Nacht lief ich zwischen Raucherzimmer, Flur und Bett hin und her. Einsam und verzweifelt. In der dritten Nacht bekam ich ein Schlafmittel, doch das wirkte nicht. Ich war sehr fertig, aufgerieben. Ich ging wieder zur Schwester. Ich sagte ihr, daß die Schlaflosigkeit etwas mit dem Solian zu tun haben müsse. Man sagte mir, das könne nicht sein. Sie riet mir um halb drei, mich in die Badewanne, in ein Entspannungsbad zu legen. Das machte ich. Nichts half. Die Schwester sagte, ich solle doch mit meinem Bettzeug ins Fernsehzimmer gehen und mich aufs Sofa legen und fernsehen. Ich konnte aber nicht einmal mehr liegen. Ich fühlte mich seltsam, ich kann es nicht beschreiben. Ich saß die ganze Nacht da und hörte die Stimmen aus dem TV. Ich fühlte mich so schlecht und einsam, daß ich weinte. Ich hörte wieder, wie die Vögel erwachten und wartete darauf, daß die Sonne aufging... . Der Tag meiner Entlassung. Ich erzählte der Schwester, die am morgen da war von meiner Nacht und daß ich total fertig sei. Sie sagte, daß ich gut aussähe. Das solian sei ja auch ein ganz tolles Mittel. So sanft. Ich sagte, daß ich mich furchtbar fühle. Dann konnte ich nicht mehr. Alles entglitt mir. Ich hyperventilierte stark. Ich hatte meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle. Ich dachte, so könne ich nicht nach Hause, ich wollte aber auch, daß das alles ein Ende hat. Die Schwester sagte zu mir, das sei gewiß alles die Aufregung vor Zuhaus. Ich sagte, daß es das ganz gewiß nicht sei. Den ganzen morgen über war eigentlich immer eine Schwester bei mir, weil ich immer wieder hyperventilierte und absackte. Sie sagten, daß ich auf jeden Fall heute nach Hause gehen würde. Ich merkte, daß irgend etwas verdammt schief gelaufen war bei der Umstellung. Ich wußte aber auch aus der Erfahrung der letzten Wochen, daß man es nicht besonders ernst nahm, was ich über meinen Zustand erzählte. So beschloß ich, trotz allem nach Hause zu gehen, um mich irgendwie selbst drum zu kümmern. Ich hatte vor der Entlassung noch ein kurzes Gespräch mit dem Psychologen, der für mich zuständig war, weil meine Ärztin krank war. Er fragte mich, wie es mir gehe und ich sagte ihm, daß ich drei Tage nicht geschlafen habe und daß es mir schlecht gehe. Er fragte mich, ob ich denn so nach Hause wolle und ich sagte ja. Ich fragte ihn noch, ob er mir für den Fall der Fälle ein Schlafmittel verschreiben könne, obwohl ich so etwas eigentlich nicht nehmen würde, doch ich war verzweifelt. So bekam ich ein Rezept mit nach Hause, auf dem Solian und Stilnox, das Schlafmittel stand. Mein Bruder holte mich ab und ich kroch quasi auf allen Vieren aus der Klinik. Zu Hause mit den Medikamenten angekommen, las ich unter Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel von Solian an zweiter Stelle, glaube ich, "Schlaflosigkeit". Irgendwo anders stand, daß eine sehr seltene Nebenwirkung eine erniedrigte Pulsfrequenz sei.
Ich fragte mich noch einmal mehr, warum niemand auf meine Beschwerden eingegangen war. Vor meiner Ärztin hatte ich es vielleicht nicht oft genug betont, doch hätte das Pflegepersonal sich nicht auch mit den Ärzten darüber verständigen müssen. Man sieht die Ärzte ja auch nicht so oft und ich wußte in der Situation manchmal nicht, wie ich was sagen sollte... .
Nachdem ich den Beipackzettel zu Hause studiert hatte, nahm ich am abend eine halbe Tablette weniger Solian und versuchte wieder zu schlafen, mit einer Schlaftablette. Aber es ging nicht. So versuchte ich es einige Tage und setzte das Solian ab, in der Hoffnung, daß sich diese Nebenwirkungen geben würden. Zur Sicherheit rief ich eine Freundin an, die Nervenärztin ist und fragte sie, ob ich das Solian so schnell absetzen könne. Sie sagte, daß das ginge. Sie sagte auch, daß man, wenn man Solian verabreicht, darauf achten müsse, wann und wieviel man davon abends gebe, wegen der möglichen Schlaflosigkeit. Warum hat da bei mir keiner drauf geachtet, nicht einmal darüber nachgedacht, als die Schlaflosigkeit eintraf? Ich rief auch meine behandelnde Ärztin an und sagte ihr, daß ich alles absetzen würde und fragte sie, ob ich als Schutz Eunerpan nehmen könne. Sie sagte, daß ich das machen könne und das sie das auch für wichtig hielt und daß ich aber besser mit ihr noch einmal persönlich reden solle. Das habe ich nicht getan, auch, weil ich gar nicht nach Weidenau fahren konnte. Mein Zustand war sehr schlecht. Ich kam gerade mal aufs Klo. Ich konnte mich nicht selbst verpflegen. Meine Eltern waren im Urlaub. Nach einigen Tagen wendete ich mich dann wieder ans Krankenhaus. Ich ging zur Diensthabenden Ärztin und erzählte. Die schickte mich mit einer starken Schlaftablette wieder nach Hause. Half auch nicht. Einen Tag später wurde ich wieder stationär aufgenommen.
Einschub: Ich erfuhr später, daß mein Musiktherapeut mich auf Station privat besuchen wollte. Man schickte ihn unter dem Vorwand nach Hause, ich sei in der Beschäftigungstherapie. Daß ich da nicht sein konnte, wußte die Ärztin wohl nur zu genau, sie hatte angeordnet, daß ich keine Beschäftigungstherapie machen solle... .
Fortsetzung folgt
TA.
Teil 3
Ich wurde auf der 92 aufgenommen. Eine außerordentlich kalte Atmosphäre. Ich versuchte ein Bett in einer anderen Klinik zu bekommen, weil ich dachte, man würde mich dort ernster nehmen. Ich mußte aber warten. So blieb ich in Weidenau , bis ich dort hin konnte. Ich bekam zum Schlafen Diazepam und Rohypnol. Es half kaum. Ich schlief zwei bis drei Std. mit Unterbrechungen. Das schien mir seltsam für eine psychisch bedingte Schlafstörung. Ich bekam auch kurz, erst mit meiner Zustimmung, Nipolept, doch schon nach der 1. Tablette bemerkte ich eine Verkrampfung der Zunge und lehnte eine weitere Einnahme ab. Dann ging ich in die andere Klinik und hoffte auf mehr Bemühungen, doch dort war es ähnlich. Man gab mir wieder Rohypnol und Diazepam und auch Eunerpan. Ich fühlte mich so schlecht, daß ich es vorzog, es mir in Siegen schlecht gehen zu lassen, da waren wenigstens Freunde und Angehörige in meiner Nähe. So wurde ich in Weidenau weiter behandelt. Das ich mit diesen Umzügen Verwirrung gestiftet habe, verstehe ich bedingt. Ich suchte verzweifelt nach Ärzten, die sich endlich Mühe gaben, zu verstehen, was geschehen war. Ich fand sie nicht. Ich wurde so weiter behandelt. Zwischendurch bekam ich noch zwei Tabletten Risperdal und die Blickkrämpfe gleich mitgeliefert. Ich sagte danach, daß ich keinerlei starke Neuroleptika mehr wolle. Meine Ärztin sagte, wenn ich nach so langer Zeit nicht psychotisch geworden sei, hätte ich auch keine Psychose. Das hielte sonst so keiner aus. Dann bekam ich einen horrormäßigen Kopfdruck und ich merkte, wie sich die Muskulatur um den Kopf herum zusammenzog. Ich fragte nach einem Arzt, doch ich bekam erst einmal keinen zu sehen. Irgendwann in dieser Zeit geriet ich so in Panik, mit meinen Symptomen nicht ernst genommen zu werden, daß ich es leugnete, jemals psychische Probleme gehabt zu haben. Alles ein ziemliches Durcheinander. Ich hatte Angst davor, daß ich in die Psychoschublade gesteckt werde, obwohl ich weiß Gott ein ernstes körperliches Problem hatte. Was das war, wußte ich damals noch nicht. Ich schlief also kaum und die Schmerzen wurden immer stärker. Ich lief nachts herum und holte mir Eisbeutel, ein verzweifelter Versuch, etwas gegen den Druck und die Schmerzen zu tun. Keiner nahm mich mehr so richtig wahr, geschweige denn ernst. Ich fragte manchmal nach einem Arzt. Meine Ärztin war leider nicht da. In der Visite, als ich über die anhaltende Schlaflosigkeit sprach und immer noch einen Zusammenhang mit dem Solian sah, lächelte mich der Arzt an und sagte, dann bräuchten wir ja kein Ecstasy mehr. Ich sagte, daß das in meinem Falle wohl leider so sei... . Ich wurde einfach nicht für voll genommen. Der Krampf um den Kopf verfestigte sich langsam, der Druck wurde unerträglich. Ich wußte nicht, wie lange ich das noch aushalten würde, ohne "auffällig" zu werden. Auffällig im Sinne von: "Jetzt spinnt sie total". Über meinen Hausarzt wurde sich wenigstens um den Kopfdruck gekümmert. Ich durfte eine "CT" machen lassen. Es hätte ja auch zufällig sonstwas sein können.
Die CT war negativ und ich fühlte mich irgendwie belächelt danach. Ich weiß nicht, wofür man mich damals hielt. Es ist jetzt fast ein Jahr vergangen, ein Jahr, das für mich ein unvorstellbarer Kampf war ums pure Überleben. Vielleicht lächelt jetzt wieder jemand, der diesen Text liest. Aber es war genau so. Ich blieb etwa drei Wochen in der Klinik. Drei letzte grausame Wochen in der Kälte und keiner machte auch nur die geringste Anstrengung, herauszufinden, was mit mir passiert war. Ich vegetierte eigentlich nur noch. Im "Team" hat man dann irgendwann beschlossen, nicht mehr auf meine Fragen einzugehen, ja, nur noch das "nötigste" mit mir zu reden. So kam es zu einer Situation, die für mich fast unerträglich war. Eines Nachts hatte ich wieder starke Schmerzen und Kopfdruck und konnte auch wie immer nicht schlafen. Ich wußte vom Beschluß des Teams und dachte verzweifelt, daß ich ja niemanden ansprechen darf, obwohl ich fühlte, daß hier endlich ein Arzt hinzugezogen werden müsste, der sich wirklich einmal alles durch den Kopf gehen läßt und sich Gedanken macht. Ich holte mir einen Eisbeutel aus dem Kühlfach in der Teeküche und versuchte mir damit Linderung zu verschaffen. Es half nicht. Ich dachte, ich müßte schreien, doch das man das hier nicht tun sollte, hatte ich inzwischen gelernt. Ich lief auf dem Flur auf und ab und schließlich konnte ich es allein nicht mehr aushalten. Ich ging ins Fernsehzimmer, in dem der Pfleger saß. Ich sagte ihm, daß ich wüßte, daß er eigentlich nicht mit mir reden dürfe, doch daß es nicht mehr auszuhalten sei und ich Hilfe brauche. Er sah Raumschiff Enterprise oder so etwas und löffelte in einem Teller Müsli herum, die Füße bequem auf dem Tisch abgelegt. Ich schaute ihn an und flehte still danach, daß er mir irgendwie glauben, helfen würde, doch er blieb wortlos und schaute nicht einmal von seinem Müsli hoch. Ich ging wieder ins Bett, oder sonstwo hin, ich weiß es nicht mehr und weinte und weinte. Ich merkte die ganze Zeit im Krankenhaus, daß die Sache, die mit mir geschah sehr ernst war und weitreichende Folgen für meine spätere Gesundheit haben würde und konnte es niemandem verständlich machen. Auch meine Mutter, so hat sie mir später berichtet, sagte einmal zu einer Schwester im Stationszimmer, daß sie mit dem zuständigen Arzt reden wolle. Von der Schwester bekam sie die Antwort: "Der aber nicht mit Ihnen!" Meine Mutter wollte das nicht akzeptieren und wartete nach kalten Bemerkungen der Schwester vergeblich auf einen Arzt. Das war eine Erfahrung, die an der Grenze zum überhaupt Aushaltbaren war. Ich konnte nicht zum gemeinsamen Essen mit den Mitpatienten gehen, da ich alles viel zu laut hörte. Eine Tasse, die auf die Untertasse gestellt wurde, war wie Donner in meinen Ohren. Ich trank immer mehr und konnte irgendwann nur noch Apfelsinen essen. Etwas anderes ging beim besten Willen nicht rein. Meine Mutter besuchte mich jeden Tag und wir versuchten die Lage zu begreifen und uns zu überlegen, was zu tun sei. Eines Tages holte sie mich ab, um mich zu einem anderen Nervenarzt zu fahren, der uns einen Termin gegeben hat. Der sagte mir, daß er das alles für eine Symptomatik nach zu schnellem Absetzen von Neuroleptika hielt. Er machte mir die Hoffnung, daß das schon irgendwann vorbei ginge... . Heute denke ich, daß das die Ärzte in Weidenau auch hätten sehen müssen, vor allem, weil die erst recht wußten, was im Laufe der Jahre alles bekommen hatte. Sie sagten aber nichts und taten auch nichts und ich litt immer heftiger. Ich hatte in einer Nacht ein Gespräch mit einem Pfleger, der das ganze auch so sah, wie der Arzt, bei dem ich war. Er sagte zu mir: "investiere diesen Sommer, es lohnt sich gewiß". Ich hatte aber irgendwie das Gefühl, daß das so einfach nicht gehen würde. Ein Freund kam vorbei und brachte mir ein schönes Geschenk mit und ich fragte mich in dieser Situation, ob ich von diesem Geschenk überhaupt noch etwas haben würde, weil ich wirklich mein Leben gefährdet sah.
Die Situation spitzte sich für mich immer mehr zu. Die Schmerzen und der Kopfdruck wurden immer schlimmer. Ich mußte etwas unternehmen. Ich machte noch ein paar Anläufe, einen Arzt für das Problem zu interessieren, doch ich erntete nur weitere Demütigungen. So beschloß ich, so schnell, wie möglich das Krankenhaus zu verlassen, um mich selbst um Hilfe zu bemühen. Ich verhielt mich von da und so ruhig und unauffällig, wie ich nur konnte, um bald zu Hause sein zu können. Das war bis dahin die härteste Aufgabe in meinem Leben. Eines morgens rief ich meine Mutter an und bat sie, mich abzuholen. In der morgendlichen Gesprächsrunde bat ich um meine Entlassung. Danach mußte ich noch etwas länger auf ein Gespräch mit der Stationsärztin warten. Ich saß auf dem Bett im Krankenzimmer und meine Mutter auf einem Stuhl. Ich glaube, in diesem Moment lastete auf uns beiden eine zentnerschwere Ungewißheit, wie alles weitergeht und ob überhaupt alles wieder gut wird.
Ich wurde immer unruhiger auf meinem Bett und dachte, daß ich gleich losschreien oder losrennen würde, doch ich harrte aus. Dann das Gespräch. Ich sagte, daß es mir wieder einigermaßen gut ginge und lächelte, glaube ich, sogar noch dabei. Die Ärztin riet mir, mich um eine spezielle Therapie für Borderline Patienten zu kümmern. Ich sagte ihr, daß ich das tun würde. Ich bat sie noch. mir ein Rezept für ein Schlafmittel mitzugeben. Das machte sie. Ich hätte da so gerne weinen können dürfen, herausschreien, was ich fühlte, doch das hatte ich oft genug ohne Erfolg getan. Jetzt mußte ich mir selber helfen, obwohl mir das so unglaublich vorkam. Ich verließ die Ärzte, die mir hätten helfen können, wenn sie nur zugehört hätten, wenn sie nur vorurteilsfrei gewesen wären. Ich hatte Angst, vor dem, was mir bevorstand, war aber auch heilfroh, aus dieser Situation heraus zu sein.
Zuhause fing ich dann sofort mit meiner Suche an, obwohl ich eigentlich gar nicht mehr konnte. Ich fühlte mich wie ein Fisch, der an Land gespült wurde... .
Ich ging zuerst zu meinem damaligen Hausarzt. Der machte so weiter, wie die Ärzte in der Klinik. Er hätte mich am liebsten direkt dort hin zurück überwiesen in der Annahme, daß sich "meine Psychose" nun wohl körperlich äußere. Etwas anderes, so sagte er, könne er für mich nicht tun.
Nach weiterem Bitten besorgte er mir einen Termin bei einem niedergelassenen Nervenarzt in Siegen. Ich fuhr mit meiner Mutter dort hin. Er sprach etwa eine Stunde mit mir, ich schilderte ihm meine Situation und die bestehenden Symptome. Er sagte, ich solle schnell wieder eine geringe Dosis Leponex nehmen, dann würde sich alles wieder richten. Diese Dosis könne ich dann nach und nach ganz langsam absetzen.
An diesem Abend nahm ich dann widerwillig, doch um meine Gesundheit besorgt, diese kleinere Dosis ein. Nach etwa zwei Monaten habe ich in dieser Nacht wieder fünf Stunden geschlafen. Das war unglaublich und es zeigte mir, daß die Schlaflosigkeit wirklich nur eine Auswirkung des Leponexentzuges war. An sonsten fühlte ich mich an diesem morgen furchtbar. Ich hatte eine unbestimmte Angst mir, die ich nicht mehr hatte, seit ich das Leponex abgesetzt hatte. Es fiel mir sehr schwer, etwas zu sehen, geschweige denn, zu begreifen. Doch eines begriff ich an diesem morgen, nämlich, daß dieses Leponex ein Teufelszeug ist.
Nach ein paar Tagen habe ich mich aber wieder daran gewöhnt. Körperlich. Seelisch war es eine Qual für mich, genau dieses zerstörerische Zeug wieder nehmen zu müssen. Es demütigt mich bis heute.
Auch der Kopfdruck wurde etwas besser, doch zuvor passierte noch etwas schreckliches. Dazu muß ich erzählen, wie sich die Symptomatik bis zu diesem Zeitpunkt weiterentwickelt hatte.
Ich konnte immer schlechter gehen. Die Beine knickten mir regelrecht ein. Ich fühlte Berührungen auf der Haut kaum noch und zu dem Kopfdruck und den Schmerzen durch die Krampfsituation der Muskulatur um den Kopf herum, kam ein furchtbares Empfinden von Kitzel im Kopf. Es ist unbeschreiblich. Was ich dazu sagen kann, ist, daß es eine regelrechte Folter war. Jetzt konnte ich ein gelegentliches Schreien unter der Bettdecke versteckt, damit es niemand hört, nicht mehr zurückhalten. Ich konnte nicht mehr still sitzen, weil ich immer das Gefühl hatte, doch davor fliehen zu müssen, doch das war vergebens. Wie soll man auch vor einer solchen Empfindung fliehen? Ich dachte immer: "Es muß auf dieser Erde doch einen Arzt geben, der mir glaubt, was ich sage und versucht, mir zu helfen."
Eines Nachts wurde meine Zunge so steif und wurde mir in den Rachen gezogen, daß ich sehr schlecht Luft bekam. Da dachte ich, daß ich jetzt vielleicht ersticken, sterben würde. Ich betete zu Gott, daß er mich nicht so sterben lassen sollte....und wenn es doch so sein sollte, dachte ich, dann wäre dieses unermeßliche Leiden endlich vorbei. Die Versteifung und das Sich-Zurückziehen der Zunge dauerte einige Wochen an. Ich mußte mich an das permanente Gefühl, fast zu ersticken, "gewöhnen".
Einen Tag, nachdem ich bei dem niedergelassenen Neurologen war, ging es mir erheblich schlechter. Er hatte mir gesagt, wenn irgendetwas sei, könne ich sofort in die Praxis kommen. Ich rief auch vorher noch einmal an und die Sekretärin sagte mir, daß ich kommen könne, aber wahrscheinlich warten müsse. Wieder fuhr meine Mutter mich nach Siegen. Auf der Fahrt hatte ich immer wieder das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Das wurde immer schlimmer und ich hatte das Gefühl, daß, wenn ich mich nicht darauf konzentrierte, regelmäßig zu atmen, ich erst viel zu spät richtig nach Luft japste. Meine Mutter bemerkte mein Problem und ich umklammerte ihre Hand. Ich rief: Fahr schnell in ein Krankenhaus. Sie wußte nicht, was sie tun sollte und entschloß sich aber dann zum Neurologen zu fahren, wo wir so und so hin wollten. Sie überfuhr aus Angst um mich sämtliche rote Ampeln und weinte und rief immer wieder meinen Namen. Ich rang nach Luft. Meine Angst machte die Situation noch schwieriger. Endlich waren wir da. Ich versuchte aus dem Auto zu steigen, doch meine Beine knickten einfach ein. Meine Mutter nahm mich unter den Arm und schleppte mich in die Eingangshalle des Ärztehauses. Dort sah uns eine Angestellte und holte schnell einen Rollstuhl für mich. Sie brachte uns in die Praxis des Arztes. Dort ging sofort eine Helferin zum Arzt und fragte ihn wohl, ob er mich anschauen würde. Sie kam zurück und sagte uns, er wolle mich nicht sehen. Am besten nie wieder. Wir waren geschockt. Ich glaube meine Mutter fast mehr, als ich. Sie sagte zu der Helferin, dann solle sie einen Krankenwagen bestellen. Darauf fragte die Angestellte meine Mutter, ob sie wisse, wie teuer das sei. Meine Mutter lief weinend verzweifelt aus der Praxis und sagte noch, sie ließe mich da, sie könne nicht mehr, oder so ähnlich. Dann war sie weg und ich rang allein im Rollstuhl, vor der Rezeption um Luft. Niemand kümmerte sich darum. Ich versuchte irgendwie aufzustehen und stolperte meiner Mutter hinterher. Ich konnte das Auto gerade noch erreichen, bevor sie losfuhr. Stille, leiseres Suchen nach Luft. Was sollten wir tun?
Am Ende landeten wir im Gesundheitshaus, da ich dort jemanden kenne. Wir dachten, dort vielleicht Hilfe zu finden. Ich hatte so eine wahnsinnige Angst. Ab diesem Moment war mir klar, daß ich wirklich um mein Leben, um meine Zukunft kämpfe, auf einem ungerechten, kalten Kampfplatz. Ich betete die ganze Fahrt hindurch. Ich bete mich bis heute durch diesen Kampf.
Zuhause setzte ich mich vor den PC und fing an, mich zu informieren, darüber, was vielleicht mit mir los sein könnte und über mögliche Hilfen. Dabei stieß ich auf eine Seite des Berliners Peter Lehmann, der im Antipsychiatrieverlag über diese Themen veröffentlicht. Ich rief ihn an und er konnte mir zwei wichtige Adressen geben. Die eine war die eines Münchener Arzt und Psychotherapeuten, der ein warnendes Buch über die Gefahren von Neuroleptika geschrieben hat. Diesen Arzt rief ich an und schilderte ihm meine Symptome. Er war sehr nachdenklich und sagte, daß sich das nicht gut anhöre, ich aber nicht aufgeben solle. Er konnte mir leider keinen Termin in seiner Praxis geben, da er total überlaufen war. Er riet mir aber, mit Frisium, einem Tranquilizer, gegen die Verkrampfungssituation etwas zu tun. Ihm waren solche Symptomatiken nach langjährigem Neuroleptikagebrauch und u.a. zu schnellem Absetzen bekannt. Er konnte alles genau nachvollziehen und riet mir einen Arzt in der Nähe zu suchen, der das auch könne. Weiter wünschte er mir alles Gute und viel Kraft, den Kampf durchzustehen. Er sagte mir, daß ich vielleicht Schwierigkeiten haben würde, eine adäquate Behandlung zu bekommen, da es Fälle wie mich eigentlich nicht geben dürfe, schwarz auf weiß.
Was ich in der Literatur über den ganzen Themenbereich zu lesen bekam, bewegte mich tief. Ich war erschüttert. Nicht nur, wie jemand, der einfach etwas schreckliches über irgendein bewegendes Thema in der Welt liest. Ich war mir bewußt darüber, daß ich mittendrin "saß".
Ich hatte nun niemanden, der mich medizinisch adäquat versorgen wollte. Die Schmerzen wurden von Tag zu Tag stärker. Ich kürze hier etwas ab. Den Roman schreibe ich vielleicht, wenn ich wieder gesund werde. Ich fand keinen Arzt. Ich suchte ein halbes Jahr, habe an unendlich viele Türen geklopft und um Hilfe gebeten. Vergeblich. Mir wurde nicht nur die Hilfe vorenthalten, ich wurde auch nach allen Regeln der Kunst weiter gedemütigt, für verrückt erklärt, ausgelacht, angeschrien, aus Arztpraxen regelrecht hinausgeworfen. Sicher hatte ich noch "Glück", daß ich nicht wieder in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Man bezeichnete mich sogar als einen "Junky", der doch nur auf "Ersatztstoff" aus dem Medikamentenschrank aus sei, als ich nach Schmerzmitteln fragte.
Bei einem anderen Arzt, der mich von früher kannte, saß ich eineinhalb Stunden unter meinen starken Schmerzen und sollte erzählen...er wollte herausfinden, ob ich mir das ganze einbilde. Immer wieder fragte er meine Mutter, die dabei saß, ob sie meine, daß ich im Moment psychotisch sei. Irgendwann fragte sie ihn dann, ob er meine, ob sie denn nicht im Wahn rede...
Es war wie ein schlechter Horrorfilm. Niemand nahm mich ernst. Der Arzt ließ mich am Ende ohne Schmerzmittel gehen und sagte noch, daß er ja schon immer gewußt habe, wie intelligent ich sei. Er sagte weiter, daß Wahnsinn und Genialität ja bekanntermaßen eng beieinander lägen. Er erschien mir gönnerhaft, allein aus dem Grunde, daß er mich wieder gehen ließ, ohne mich direkt zwangseinzuweisen.
Ich fand schließlich zwei Homöopathen, die mir etwas weiter helfen konnte. Da war zuerst einer in Lauenburg in der Nähe von Hamburg. Ich bin vier mal unter Höllenqualen dorthin gefahren. Nur um ein wenig Hoffnung zu haben. Es half aber nichts gegen die immer noch stärker werdenden Muskel- und Nervenschmerzen.
Ich hatte in dieser Zeit auch Besuch von der Polizei. Das kam folgendermaßen:
Ich fühlte mich einsam und wie ein "Vergessenes, lebendes Opfer von Ignoranz und Gewalt auf zwei Beinen". Ich dachte, das müsse doch irgend jemanden interessieren, was in diesem Land an Grausamkeit möglich ist... .
Aus einem solchen Gefühl heraus kam ich eines Tages im September auf den Gedanken, beim Zentrum für Friedenskultur anzurufen. Ich sprach mit einem freundlichen jungen Mann und ich erzählte einiges von meiner Geschichte und fragte ihn, ob das nicht auch ein Thema für ihre Initiative sein könne. Er sagte, daß ihn das, auch aus eigenem Interesse, interessiere. Er wolle sich noch einmal bei mir melden...
Ich wartete täglich auf einen Anruf von der Initiative, ich fühlte mich so quälend untätig in diesem Bereich von Gewalt innerhalb der Psychiatrie etwas zu tun. Es km aber kein Anruf. Ich dachte, sie hätten es vielleicht, auch im Zusammenhang der Ereignisse des 11. Septembers, vergessen. Also rief ich nochmals dort an. Ein anderer Mann war am Telefon. Ich erzählte ihm, daß ich schon einmal angerufen habe...er wollte wieder wissen, worum es denn gehe. Ich fing beim Erzählen an zu weinen und drückte auch aus, daß ich sehr verzweifelt sei. Er sagte dann irgendwann, daß er den Geschäftsführer fragen wollte, ob schon etwas über mein Anliegen besprochen worden sei. Er sagte, er wolle später zurückrufen. Ich fragte noch, ob das lange dauern würde, da ich noch jemanden besuchen wolle. Er sagte, daß er in spätestens fünf Minuten zurückrufen wolle. Ich bemerkte noch, daß wir alles auch viel später noch einmal aufgreifen könnte, wegen der Aufregung um das New Yorker Attentat und die Zeit danach.
Ich wartete also auf den Rückruf. Doch es passierte nichts. Nach einer halben Stunde war ich dann selber wieder an, um zu fragen, warum sie sich nicht melden. Wieder war jemand anderes am Telefon. Diesmal eine Frau. Ich erläuterte ihr den Grund meines Anrufs und fragte nach dem Herrn, mit dem ich vorher gesprochen hatte. Sie sagte, sie wisse von nichts... . Dann forderte sie mich auf, doch noch einmal zu erzählen, wie ich in die Psychiatrie geraten sei. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt in Sachen "Weinen" schon lange wieder gefangen. Ich wollte nicht noch einmal darüber reden. Ich sagte ihr auch, daß mein Anliegen nicht sei, persönlich "getröstet" zu werden, sondern vielleicht eine Zusammenarbeit mit "Aktivisten" gegen die Zustände in der Psychiatrie und ihnen aufzubauen, oder vielleicht etwas in Richtung Öffentlichkeitsarbeit oder Arbeitsgruppen zu unternehmen. Auf erneutes Drängen ihrerseits erzählte ich dann doch etwas von meiner Geschicht. Während des Gesprächs klopfte es dann plötzlich an meiner Wohnungstür. Zwei uniformierte Polizisten. Ich war richtig schockiert und mußte mich erst wieder sammeln... ich fragte die Frau, ob es da einen Zusammenhang zu ihnen gäbe.
Sie stockte etwas im Reden und sagte dann unsicher, daß sie die Polizei verständigt hätten. Ich war außer mir, Es war so paradox. Ich hatte mich an diesen Verein doch gerade deshalb gewendet, weil ich darauf aufmerksam machen wollte, wie schnell man seine Freiheit und Unversehrtheit durch die Arme des psychiatrischen Systems verlieren konnte...
ich ignorierte die Polizisten fast und redete weiter mit ihr. Ich fragte sie, ob der Geschäftsführer das angeordnet habe. Das stritt sie zuerst ab, sagte aber dann, daß er gesagt habe, daß sie die Polizei anrufen sollten. Ich fragte sie nach dem Warum. Sie sagte, sie hätten so viel Streß und ich sei vielleicht eine Journalistin, die sie "ärgern" wollte wegen der Sache mit der Demonstrationsansprache von Herrn N. Weiter sagte sie, daß ich so verzweifelt geklungen hätte. Vielleicht hätte ich mir ja etwas antun wollen. Ich sagte ihr, daß sie mich das besser vorher selbst gefragt hätten und daß ich es unmöglich fände, daß Herr N. so etwas tut, ohne vorher mit mir persönlich gesprochen zu haben. Ich hatte mit dem Mittarbeiter vielleicht zwei Minuten geredet. Er konnte sich gar kein Bild von der Situation gemacht haben.
Dann legte ich auf und wendete mich den Polizisten zu. Ich hatte keine Angst. Ich hatte schon zu viel durchgemacht. Ich sagte ihnen, was vorgefallen sei und sagte ihnen auch ganz offen, daß ich verzweifelt sei. Ich erzählte IHNEN meine Geschichte und sagte, daß sie mich jetzt ruhig mitnehmen könnte, wenn sie es für richtig hielten. Ich hatte keine Kraft mehr, mich noch gegen all die Willkür zu wehren. Dann kam alles ganz anders. Einer der Polizisten sagte, daß sie sich an mir die Finger gewiß nicht schmutzig machen wollten. Sie blieben eine Stunde bei mir und wir sprachen über Gewalt. Über die Gewalt, die von Offiziellen und vom Staat ausgeht, von Ungerechtigkeit und Leid. Sie waren sehr nett. Am Ende nahmen sie mich in den Arm. Sie sagten mir während des Gesprächs, daß andere Kollegen mich wohl eher in der geschlossenen Psychiatrie abgeliefert hätten. Ich hatte Glück mit den Beiden. Als sie gingen sagte ich noch, daß ich mich ganz und gar nicht umbringen wolle, doch wenn das so weiterginge, daß niemand meine Schmerzen ernst nähme und behandele, ich nicht dafür bürgen könne, das zu überleben. Ich hätte meine Grenzen, was an Schmerzen und wie lange, ich aushalten könne. Wenn ich mich also umbringen würde eines Tages, dann nicht, weil ich verrückt sei, sondern weil ich die Schmerzen nicht mehr ertragen könne. Sie verstanden mich und gingen.
Ich blieb wieder allein mit meinen Schmerzen zurück. Ich konnte noch gar nicht richtig fassen, was da geschehen war. Wäre ich in der Psychiatrie gekommen, wäre das für mich ganz übel ausgegangen. Was hätten die Ärzte denn getan, wenn ich vor Schmerzen geschrien hätte? Ich befürchte es zu wissen. Sie hätten mich für schwer wahnhaft erklärt. Sie hätten mir Medikamente gegen diese Wahnhaftigkeit geben wollen. Ich hätte mich wehren müssen. Sie hätten mich zudem noch für Krankheitsuneinsichtig erklärt. Sie hätten mir die Medikamente zwangsmäßig verabreicht, auf einem Bett an Armen, Bauch und Beinen festgeschnallt, so, wie alles begonnen hatte... .
Nach langer Zeit habe ich mich nun noch einmal dazu durchgerungen, an meinem Bericht weiter zu schreiben. Es wäre mir lieber, ich könnte ein Ende der Geschichte absehen, könnte endlich weiterleben, anstatt hier zu sitzen und immer noch unter den Folgen meiner psychiatrischen "Behandlungen" zu leiden.
Irgendwann versuchte ich, in der Schmerzambulanz im Weidenauer Krankenhaus, das ist das Krankenhaus, in dem ich auch psychiatrisch behandelt wurde, Hilfe zu bekommen. Erst hatte ich den Eindruck, daß der Arzt mich ernst nahm und mein Problem realisierte, doch nach einigen Terminen war mir klar, daß auch er mich nur als "Psycho" belächelte. Zuerst gab er mir ein antriebssteigerndes Antidepressivum. Ich sagte ihm, daß ich diese antriebssteigernden Mittel nicht vertrage und versicherte mich, daß er mir das Mittel auch wirklich wegen der Schmerzen gab. Er sagte, daß ich das nehmen und in zwei Wochen wiederkommen sollte. Nachdem ich eine halbe Tablette genommen hatte, konnte ich drei Nächte wieder nicht mehr schlafen... Später wollte er eine Eigenblutbehandlung mit mir machen. Ich fragte wieder, ob er sich davon in meinem Fall wirklich etwas versprechen würde. Er riet mir zu und ich willigte ein. Die Behandlung mußte ich selbst bezahlen. Ich wußte kaum, wie ich den Weg nach Weidenau noch schaffen sollte vor Schmerzen und bekam dann diese Behandlung. Irgendwie hatte ich immer mehr das Gefühl, daß ich auch hier an der falschen Adresse war. Ich kümmerte mich um einen Termin in der Neurologie des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke. Das teilte ich dem Arzt in Weidenau mit und machte ihm noch einmal deutlich, daß seine Behandlung da nicht ausreiche. Er sagte mir, daß er mich auch stationär aufnehmen könne. Ich fragte, ob er denn Betten im Krankenhaus hätte. Er sagte, er habe nur noch ein Bett auf der Frauenstation und in der Psychiatrie. Er wollte mich in das in der Psychiatrie "legen". Ich sagte, ich sei doch eher eine Frau, als psychotisch. Darauf erwiderte er, ich sei beides. Das reichte mir.
Im November 2001 begann im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke meine schmerztherapeutischer Behandlung. Ich hatte dort ja den Termin in der Neurologie. Ich mache es kurz. Die Neurologin wollte mich nicht untersuchen und bot mir, ohne mit mir mehr als drei Sätze gesprochen zu haben an, mich in der Psychiatrie aufnehmen zu lassen. Ich war total entmutigt. Ich hatte noch einmal viel Hoffnung in das Herdecker Krankenhaus gesetzt, arbeitet man da doch noch anderen Maßstäben, nach der anthroposophischen Lehre vom Menschen. Doch auch hier wurde ich stigmatisiert, wie überall, wo ich bisher Hilfe gesucht habe. Ich war so verzweifelt, daß ich auf dem Krankenhausflur fast weinend zusammenbrach. Und ich hatte solche Schmerzen. Es war nicht mehr zu ertragen. Die Ärztin sagte noch spöttisch zu mir, ich könne es ja mal bei Dr. Soundso in der Schmerzambulanz versuchen. Der nähme ja jeden Trottel ernst. Ich sagte zu meiner Mutter, die mich begleitete, daß ich das jetzt sofort noch versuchen würde, bevor ich aufgebe. Sie wollte mich eigentlich davon abhalten, um mir eine weitere schmerzhafte Enttäuschung zu ersparen. Ich ging aber hin. Das Wartezimmer war voller Leute. Es herrschte eine angenehme, freundliche Atmosphäre. Eine Krankenschwester in blauer Arbeitskleidung fragte mich, wer ich sei. Ich brach sofort in Tränen aus und sagte, daß ich Hilfe bräuchte und so starke Schmerzen hätte. Sie sagte dem Arzt Bescheid und ich konnte kurz darauf zu ihm. Ich erzählte in groben Zügen meine Geschichte und beschrieb ihm meine Schmerzen und Symptome. Er verstand sofort, wie schlecht es mir ging und schlug mir eine stationäre Aufnahme in der Schmerzklinik Kiel vor. Ich sagte, daß ich niemandem mehr so richtig trauen könne und nicht noch eine Enttäuschung ertragen würde. Außerdem hätte ich eine längere Wartezeit nicht noch einmal durchgehalten. Der Arzt verstand das und sagte, daß er meine Behandlung übernehmen würde. Er erzählte mir ärgerlich, wie vielen Schmerzkranken in unserem medizinischen System einfach nicht geglaubt würde, von denen sich dann nicht selten jemand das Leben nehmen würde. So ging es mir auch. Ich wußte nicht, wie ich die starken, permanenten Nervenschmerzen am ganzen Kopf und im Gesicht noch ertragen sollte. Ich dachte immer häufiger an die letzte Möglichkeit, dem zu entkommen. Den Tod. Und ich wollte doch leben. Es gab nicht den geringsten Grund für mich, das Leben abzulehnen. Doch die Schmerzen waren unmenschlich, entwürdigend und unerträglich. Der Gedanke, daß ich weiterleben könnte, wenn mir nur jemand helfen würde, zerriß mich. Ich denke, daß keinem der Ärzte, die mich "vor die Tür setzten", klar war, daß es im Endeffekt um mein Überleben ging. Sie verhielten sich mir gegenüber eher so, als würde ich beklagen, daß mein Spielzeug kaputt ist. Ich wurde ins lächerliche gezogen, während ich um mein Recht zu leben kämpfte. Das war das härteste, was ich je erlebt habe. Ich weiß bis heute nicht, wie ich das geschafft habe.
Der Schmerzarzt gab mir ein Morphinpräparat mit und machte einen Termin am übernächsten Tag mit mir aus. Ich konnte erst gar nicht glauben, daß mich endlich jemand ernst nahm. Ich nahm sofort die erste Tablette. Nach wenigen Tagen ging es mir etwas besser. Die Schmerzen waren zeitweise wieder so, daß ich etwas durchatmen konnte. Ich bin aber bis heute nicht schmerzfrei und habe oft Schübe, die immer noch sehr schwer zu ertragen sind. Dr. Soundso legte mich in den ersten Monaten bis zu drei mal wöchentlich in einen künstlichen Tiefschlaf, um mir die Möglichkeit zu geben, mich zu erholen. Das Morphium mußte langsam erhöht werden und die Art der Verabreichung änderte sich auch immer wieder. Die erste Zeit war schlimm, mir war immer sehr übel, ich mußte mich oft übergeben. Doch ohne die Medikamente hätte ich die Schmerzen nicht mehr ausgehalten.
Da war ich nun angekommen. Ich hatte mich endlich von den Neuroleptika verabschiedet. Wie lange hatte ich mir gewünscht, ohne Medikamente zu leben. Psychisch war das auch kein Problem ohne die Neuroleptika, doch nun war mein Körper "kaputt". Es ist bis heute unglaublich schwer, das zu respektieren. In den Monaten ohne Medikamente habe ich deutlich abgenommen. Die Wassereinlagerungen, besonders in den Beinen, waren verschwunden. Übrigens haben mir die Psychiater damals versichert, daß das nicht von den Neuroleptika komme. Ich war damals schon anderer Meinung. Heute habe ich durch das Morphin und andere Schmerzmedikamente wieder dieses Problem.
Alles macht mich sehr traurig, sehr wütend. Ich stelle mir immer wieder die selbe Frage. Warum mußte das alles so kommen?