Was hat die
Psychiatriereform der letzten 25 Jahre gebracht?
Von Matthias Seibt
Ich betrachte das alles ganz
anders als Sie. Ich werde von Ihnen verkannt; aber es schadet mir nicht. Es ist
nur zu Ihrem Nachteil. Sie sind zu unerfahren, um das zu verstehen. Aber es
kommt wirklich auf Sie und Ihre Unerfahrenheit nicht an. Das verändert die
Einrichtung der Welt nicht. Die Einrichtung der Welt wird überhaupt niemals
durch Einsprüche verändert, von wem auch immer sie kommen.
Übrigens kommen die Einsprüche nur von den
Unerfahrenen, den Unehrerbietigen, von denen, die nichts bedeuten.
(Hans Henny Jahnn)
Reformiert wird die deutsche
Psychiatrie schon länger als seit 1975, genau genommen seit 1941. Damals wurde
offiziell die sogenannte Euthanasie abgeschafft, weil es Proteste in der
Bevölkerung gegeben hatte, die man vor dem bevorstehenden Überfall auf die
Sowjetunion beschwichtigen wollte. Die Machthaber fürchteten sogar eine
Destabilisierung ihres Regimes. Das zeigt, daß auch unter einem Terrorregime
der Einzelne Spielraum für Civilcourage hat. Viele Menschen haben damals
Widerstand geleistet ohne dafür erhebliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Im
Zusammenhang mit der offiziellen Beendung der Euthanasie ist z.B. die Rede des
Kardinals von Galen bekannter geworden, doch auch viele nicht prominente Bürger
haben dazu beigetragen, in dem sie Briefe schrieben und nach dem Schicksal
ihrer Angehörigen fragten.
Danach kamen 5 Jahre wilde
“Euthanasie” bis nach Kriegsende. Diese Phase der Psychiatriereform endete dann
1946/47. Aus meiner Sicht ist die größte Reform, daß Menschen mit seelischen
oder sozialen Problemen nicht mehr absichtlich umgebracht werden. Seit 1946/47
wird der Tod nur als “Neben”wirkung der Behandlung in Kauf genommen, er ist
kein Behandlungsziel mehr.
Weitere Reformen bis 1975
waren: Anfang der 50er Jahre die Einführung der Neuroleptika, angeblich eine
ganz tolle Verbesserung; weiter ist zu nennen die Ausbreitung des Ende der 30er
Jahre im fachistischen Italien entwickelten Elektroschocks über die ganze Welt.
Der wird in Deutschland übrigens sehr viel seltener als in den angelsächsischen
Ländern und Skandinavien angewandt, weil unsere fachistische Vergangenheit hier
hinderlich ist. In Italien wird er meines Wissens gar nicht angewandt.
Die Anwendung der Lobotomie
ging zurück, nachdem man Hunderttausende von Menschen verstümmelt hatte. Auch
die Zeit von 1941 bis 1975 war also voller Reformen, die das Gesicht der
Psychiatrie stärker verändert haben, als die nach 1975 geschehenen.
Was führte nun 1975 zur
Psychiatrie-Enquête? Es gab massiven äußeren Druck auf das System Psychiatrie.
Sehr viele Journalisten haben in den 60er Jahren berichtet, wie
menschenunwürdig auch nach den bislang durchgeführten Reformen das System noch
ist.
Es gab einen anderen
Zeitgeist, der Einfluß des Hitlerfachismus nahm ab, es wurden Menschen
erwachsen, die nicht mehr in diesem Wertesystem groß geworden waren. Diese
Menschen wollten daher auch nicht in Institutionen arbeiten, wo dieses
Wertesystem zumindestens teilweise noch Gültigkeit hatte.
Es stand mehr Geld zur Verfügung. Man darf nicht
vergessen, wie viel reicher Deutschland von 1945 bis ins Jahr 2000 geworden
ist, wie viel reicher es allein in den letzten 20 Jahren noch geworden ist. Das
macht Menschlichkeit auch einfacher, wenn Geld und andere Ressourcen vorhanden sind.
Das waren die äußeren
Bedingungen und dann hat man sich mit sehr viel Reformeifer ans Werk gemacht.
Es hat viele Menschen gegeben, die mit wirklichem Idealismus an diese Aufgabe
gingen, auch im System.
Wie sieht das jetzt aus, 25
Jahre später?
Positiv ist:
Übergriffe in der Psychiatrie
sind inzwischen Ausnahmen. Unmenschliche Behandlung ist vor 25 Jahren auf
vielen Stationen die Regel gewesen.
Zwang wurde an vielen Stellen
durch Druck ersetzt. Das ist sicherlich auch besser, natürlich macht das das
ganze System auch sehr viel reibungsloser und leichter ausbaubar.
Es ist menschlicher geworden
in der Psychiatrie. Viele Psychiatrie-Erfahrene, die die letzten 25 Jahre am
eigenen Leib mitbekommen haben, bestätigten mir das.
Das sind die drei meines Erachtens
positiven Punkte.
Fragwürdig ist:
Die ambulante Versorgung
wurde ausgebaut. Ein psychiatrisches Netz hat sich über das Land gelegt. So
etwas ist schön, wenn man Hilfe sucht. Wenn man versucht diesem System
Psychiatrie zu entkommen, weil man sein Leben als normaler Mensch oder als
Sonderling statt als psychisch Kranker leben möchte, ist ein enges Netz nicht
hilfreich. Das ist eine sehr zweischneidige Sache, dieser Ausbau der ambulanten
Versorgung. Es gibt Untersuchungen, daß dort, wo viel ambulante Versorgung ist
auch viele Psychiatrieaufenthalte und Zwangseinweisungen stattfinden. Es ist
eben nicht so, daß die ambulante Versorgung die stationäre Versorgung
überflüssig macht, es ist vielmehr so, daß die ambulanten Profis sich
letztendlich auf das stationäre System verlassen. Sei es, daß ihre Weisheit am
Ende ist, sei es daß sie die Zwangseinweisung selber provozieren. Beliebt ist
zum Beispiel, wenn jemand seine Medikamente nicht nimmt ... seine Medikamente?
... na, die ihm aufgezwungenen jedenfalls ... und der Betreuer stoppt deswegen
die Auszahlung des von ihm verwalteten Gelds. Das kommt oft vor.
In das System Psychiatrie
sind andere Berufsgruppen hinein gezogen worden: Psycholog/inn/en,
Sozialarbeiter/innen, Pädagog/inn/en. Dies geschah, ohne daß die Machtposition
der Psychiater/innen auch nur im Geringsten angetastet worden wäre. Die
Struktur ist jetzt so, daß die Menschen, die in der ambulanten Versorgung
arbeiten, sich vom stationären System häufig distanzieren ohne es wirklich
anzugreifen. Es gibt die gute Psychiatrie ambulant mit Psychologen und
Sozialarbeitern und die schlechte Psychiatrie stationär, die die Psychiater
machen. Sehr, sehr selten aber wird öffentlich Stellung bezogen, wenn etwas
mies ist am System.
Negativ ist:
Immer mehr Menschen werden
als psychisch krank bezeichnet, die Psychiatrie ist eine richtige
Wachstumsindustrie.
Es hat eine Explosion der
Heimplätze gegeben. Wenn wir zusammenrechnen, Psychiatriebetten plus
Heimplätze, dann haben wir heute mindestens die doppelte Zahl an stationär
untergebrachten Menschen wie 1975. Leider gibt es im Heinbereich keine genauen
Statistiken, wer hätte daran schon Interesse. Die Psychiatriebetten werden
jedes Jahr gezählt und ihre Verringerung als Indiz für die stattgefundene Reform
einer leicht zu belügenden Öffentlichkeit präsentiert.
Es hat eine Explosion der
Psychopharmaka-Verschreibung gegeben, mindestens das Vierfache wie 1975 wird
verschrieben.
Es hat seit 1990 mindestens
eine Verdopplung der Betreuungen gegeben, das ist das Ergebnis dieses Teils der
Psychiatriereform.
Was für Versprechungen, nun
werde alles besser, es gebe keine Entmündigung mehr und blablabla, waren alle
vor dieser “Reform” gemacht worden. Geschenkt. Sogar dem Staat ist es
inzwischen zu teuer geworden (wenn eine/r nicht genügend eigenes Geld hat, muß
die Staatskasse für die “Betreuung” aufkommen), so daß die Vergütungen der
“Betreuer/innen” letztes Jahr gesenkt wurden.
Der Einfluß der
Pharmaindustrie war 1975 groß, mittlerweile ist er riesig. Viele Veranstaltungen
der “Sozial”- oder “Gemeinde”-Psychiatrie werden von Pharmageldern gesponsort.
Gutmeinende Leute haben mich schon angesprochen, wann unser Verband denn
endlich so weit wäre, von den Leuten, die unsere Gesundheit schädigen, Geld
anzunehmen.
Auch sehr negativ zu
beurteilen ist, das verbesserte Image der Psychiatrie im Jahr 2000. So sind
nötige Reformen schwerer zu bekommen als 1975, da ein öffentlicher Druck fehlt.
Nun zu einigen konkreten
Beispielen:
Ich komme aus Bochum bzw.
Herne, wo es grob gesagt drei Psychiatrien gibt. Das Marienhospital in
Wanne-Eickel, das Martin-Luther-Krankenhaus in Wattenscheid und das Bochumer
Zentrum für Psychiatrie. Die beiden erstgenannten könnte man als “gute
Psychiatrien” bezeichnen, wenn man diese Formulierung überhaupt gebrauchen
will. Wenn ich dort Leute aus meiner Selbsthilfegruppe besuche, habe ich den
Eindruck, daß das dortige Personal menschlich mit den ihm anvertrauten Menschen
umgeht.
Gleichwohl gibt es auch dort
Geschichten, wo jemand mit Neuroleptika behandelt wird und der Zustand
verschlechtert sich, z. B. der Mensch ist auf einmal ganz krumm und schief. Als
Besucher hört man erstaunt, dieser Person ginge es besser, sie nerve nicht mehr
so.
Na gut, dem Personal geht es
damit besser. Selbst in recht angenehm geführten Häusern ist dies eine beliebte
Verwechslung.
Nun ein Beispiel aus dem
Martin-Luther-Krankenhaus, das ein Mann aus unserer Selbsthilfegruppe erlebte,
der übrigens von recht kräftiger Statur ist. Als er anfing die Station
auseinanderzunehmen, sprach ihn der zuständige Arzt an: “Herr Müller, so werden
sie nicht gesund!” und überredete ihn anschließend, mehr Neuroleptika zu
nehmen.
Im Zentrum für Psychiatrie
läuft das alles ganz anders ab. Dort wird man auch für ein freches Wort ans Bett
gefesselt. Die Sitzwache wird regelmäßig vergessen. Das Zentrum hat einen so
miserablen Ruf, daß mir alle ambulant arbeitenden Profis, mit denen ich darüber
gesprochen habe, meine eigene schlechte Meinung über diesen Laden bestätigten.
Sogar ein Landesrat fand Worte des Bedauerns und sagte eine Konsequenz der
angesprochenen Angelegenheit sei, daß inzwischen auch die Chefpsychiater nur
noch Zeitverträge bekämen.
Dann stellt sich die Frage:
Wenn alle Profis bis hoch zum Landesrat dieser Ansicht sind, warum wird das
dann seit 15 Jahren nicht geändert? Es bringt doch nichts, daß man diese
Angelegenheit nur unter vier oder sechs Augen zugibt.
Außerdem, Bochum ist noch
nicht das Schlimmste. Düsseldorf-Grafenberg hat einen noch schlechteren Ruf.
Ich fürchte zu Recht. Ich vermute mal, das die ambulanten Professionellen in
Düsseldorf und Umgebung sich ähnlich verhalten.
Das muß geändert werden. Sich
in solchen Angelegenheiten auf Privatgespräche unter vier bis sechs Augen
beschränken, bringt nichts. Vielleicht war ein solches Verhalten im
Hitler-Faschismus mutig, spätestens heute verdient es nur noch Verachtung.
Es fehlt der Wille, gegen
schwarze Schafe in den eigenen Reihen vorzugehen. Möglich ist es, das sieht man
am Umgang mit Reformern, als Beispiel nenne ich die Soteria-Station in
Gütersloh. Wenn man jemand loswerden will, dann schafft man das. Schlechte
Behandlung von Patient/inn/en ist offensichtlich kein Grund, sich von Personal
zu trennen. Neue Ideen und der Versuch menschlichere Psychiatrie zu machen
scheinen da für den eigenen Job wesentlich gefährlicher zu sein.
Nun zum Umgang mit unseren
“Sechs Forderungen zum Anstaltsalltag”. Unter anderem hatten wir uns eine
Stunde Ausgang unter freiem Himmel (Hofgang) gewünscht. Dieses Recht steht
Straf- und Untersuchungshäftlingen laut Europäischer Menschenrechtskonvention
zu und wird auch im Strafvollzugsgesetz erwähnt. Daraufhin hat der
nordrhein-westfälische Angehörigenverband alle Psychiatrien dieses Bundeslandes
angeschrieben und mitgeteilt, er unterstütze diese 6 Forderungen.
Eine nichtssagende Antwort
von Herrn Dörner, damals noch im Amt, kam. Das sei doch ein Gebot der
Menschlichkeit. Mehr gefreut hätte uns die Aussage: “Wir in Gütersloh machen
das so.” Die anderen Anstaltsleiter/innen haben es gar nicht für nötig
gehalten, dem Angehörigenverband zu antworten.
Bis heute steht eine Antwort
der Bundesdirektorenkonferenz aus. Sie ignorieren uns und unsere Wünsche.
Es sind wirklich kleine
Forderungen: Wir wollen, daß unser Faltblatt aufgehängt wird oder daß es eine
Teeküche (oder einen Teewagen) auf jeder Station gibt, damit man sich, wie zu
Hause auch, rund um die Uhr mit Essen und Trinken versorgen kann. Zur
Klarstellung: Wir wollen ja dort in diesen 6 Forderungen gar keinen Verzicht
auf Neuroleptika oder daß über die Risiken der Behandlung aufgeklärt wird.
Aber nicht einmal diese
Winzigkeiten wurden uns zugestanden. Zwar haben wir diese Reaktion
vorausgesehen, doch hätten wir uns gern einmal getäuscht. Das wird, wenn überhaupt,
auch noch einige Jahre dauern, bis diese Selbstverständlichkeiten umgesetzt
sind.
Nun zu den Neuroleptika und
den von diesen Substanzen verursachten Schäden. Faustregel ist ein Todesfall
auf 400 mit Neuroleptika behandelte Menschen, dabei sind Selbsttötungen nicht
mitgezählt. Ich spreche hier von der reinen Neuroleptikawirkung. Wem es
angenehmer in den Ohren klingt, der kann hier gern von Nebenwirkung sprechen.
Die das belegenden ärztlichen
bzw. psychiatrischen Untersuchungen findet man am einfachsten in Büchern wie
“Der chemische Knebel” oder “Schöne Neue Psychiatrie”.
Unser Verband hat
mittlerweile so ca. 600 Mitglieder, von denen
in den letzten Jahren jährlich zwei bis fünf starben. Von diesen
Menschen war nur einer älter als 60. Allerdings hatte er schon über 30 Jahre
nichts mehr mit der Psychiatrie zu tun.
Medizin soll, so glaube ich
zumindestens, die Lebenserwartung erhöhen, nicht verringern. Na ja. Das ist
auch nicht weiter schlimm, nur eben sehr viele Professionelle haben mir
gegenüber unter vier oder sechs Augen zugegeben, dem sei so, diese Leute würden
wirklich früh sterben. Einige schränken das dann ein und sagen, na ja, die
rauchen auch sehr stark und trinken viel Kaffee.
Das ist nicht gut, daß
darüber nicht diskutiert wird und überlegt wird, wie schafft man das denn, daß
diese Lebenserwartung von psychiatrisierten Menschen steigt. Zur Zeit wird man
als Frau etwa 80 Jahre und als Mann sechs, sieben Jahre weniger alt. Das was
die Psychiatrie bewirkt, ist kein medizinischer Erfolg.
Ich hab dann mal ins
Statistische Jahrbuch reingeschaut, einen Artikel betitelt “Wissenswertes”
draus gemacht. Das ist einige Jahre her, da hab ich es nicht mal geschafft, daß
er in der Psychosozialen Umschau abgedruckt wurde. Herr Schwendy hat sich da
auch verdient gemacht, daß das nicht geschah. In der Süddeutschen krieg ich so
etwas natürlich erst recht nicht veröffentlicht, aber demnächst vielleicht in
irgendeiner weiteren Psychiatrie-Zeitung.
Vor kurzer Zeit sind die
atypischen Neuroleptika auf breiter Front eingeführt worden. Von
professioneller Seite kein Funken Kritik, besinnungsloser Jubel, jetzt kommen
die Neuroleptika, die nicht schädlich sind. Das weiß man doch gar nicht, das
wird man in 20 Jahren wissen. Man kann lediglich hoffen.
Roxiam ist vom Markt wegen
zahlreicher eindeutig zuordenbarer Todesfälle. Wenn da jemand zu Tode kommt,
ist das ja selten ein Problem. Meistens nehmen die Leute ja vier oder fünf
verschiedene Psychopharmaka. Wenn dann aber 50 Leute tot sind , die alle
Herzversagen hatten und z.B. alle ein bestimmtes Neuroleptikum genommen haben,
dann muß das eben vom Markt. Aber erst dann, wenn es dermaßen eindeutig ist.
Auch Serdolect, beworben als
die Rose ohne Dornen, ist vom Markt. Das steht selbstverständlich in den
Psychiatrie-Zeitungen nicht so, daß das passiert ist. Man muß richtig rudern,
um an diese Informationen zu kommen. Das ist nicht in Ordnung. So etwas muß
offen diskutiert werden und dann kann man auch besser einschätzen, ob Zyprexa
und Solian die Wundermittel sind, als die sie angepriesen werden. Oder ob
vielleicht nicht auch bei diesen Mitteln Risiken vorhanden sind.
Was ist denn nun zu tun?
Ich denke das Sinnvollste
wäre für alle Menschen mit sozialen oder seelischen Problemen kein Geld mehr in
das System Psychiatrie zu stecken, die Mittel drastisch zu beschneiden. Das
trifft natürlich Ihre Interessen, sie leben davon, daß es Psychiatrie gibt, sie
arbeiten dort, halten das vielleicht auch für sinnvoll was da passiert.
So groß ist auch unser
Einfluß auf die Politik nicht, als das wir das schaffen würden. Die
Lobbyarbeit, die Sie machen ist mindestens 100-mal stärker. Was bleibt ist
Stärkung der Selbsthilfe und langsame Schaffung von Nutzerkontrolle in der
Psychiatrie. Beides kostet Geld. Eine ehrenamtliche Beschwerdestelle ist eine
schöne, feine Sache. Wie man sieht, gibt es so etwas nicht oft und wenn ist es
nicht effizient.
Viele Menschen in unseren
Reihen sind nicht sehr fit, sie bekommen Sozialhilfe oder
Erwerbsunfähigkeitsrente. Das bekämen sie nicht, wenn sie arbeiten könnten. Die
Fitteren müssen sich irgendwie ihr Geld verdienen und haben keine Zeit für
ehrenamtliche Beschwerdestellen.
Falls das System geändert
werden kann, dann nur von den Menschen, denen es nicht gefällt. Diesen Menschen
muß man, wenn man Reformen wünscht, Macht einräumen. Das ist ganz klar.
Von einer paritätischen Besetzung (Erfahrene, Angehörige,
Bürgerhelfer, Profis) des Landschaftsverbands, wie eben angesprochen, davon
sind wir noch mindestens 40 Jahre entfernt. So eine Idee ist angesichts der
Wirklichkeit völlig lächerlich. Nett wäre z.B. wenn erstmal die Leute die für
den Landschaftsverband Rheinland die Psychiatrien kontrollieren sollen etwas
mehr Aufwandsentschädigung bekommen oder sogar eine viertel Stelle für diese
Aufgabe. Für ein Butterbrot bekommt man auch keine vernünftige Kontrolle. Sie
können auch bei uns im Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener Fördermitglied
werden für 120,- DM jährlich, dann bekommen sie unseren Rundbrief. Trägt ein bißchen dazu bei, daß wir mit den
wenigen Mitteln, die wir haben, ein bißchen im System eingreifen. Unser Einfluß
ist verschwindend gering.
Die Selbstorganisation der
Psychiatrie-Erfahrenen ist übrigens nichts Neues. Auch im Deutschen Reich des
letzten Jahrhunderts gab es eine Irrenrechts-Reformbewegung. Deren Zeitung, die
Irrenrechtsreform hatte zu Spitzenzeiten 10.000 Auflage, unser Rundbrief hat
jetzt 1.200 Auflage. 80 Millionen Einwohner hatte Deutschland damals auch.
Psychiatrie war offenbar schon vor den Nazis keine gute Sache.
Wie kommt es denn nun, daß
viele Menschen, die doch guten Willens an diese Sache Psychiatrie herangehen
sich an so einer schlechten Sache beteiligen. Ich meine daß sie schlecht ist.
Zu erklären ist, warum all die Leute voll guten Willens so etwas Schlechtes
machen. Das steht noch aus.
Sie kennen ja sicherlich
das Milgram-Experiment. Das ist dieses Experiment, wo eine Person von der
Straße aufgelesen wird. Der wird gesagt, wir machen hier ein wissenschaftliches
Experiment. Wir haben hier einen Schüler, der muß was lernen und sie sin der
Lehrer. Macht der Schüler etwas verkehrt, bestrafen sie ihn mit einem
Stromstoß. Das passiert dann auch so, der Schüler muß eine Aufgabe lösen, macht
dabei einen Fehler und der Lehrer, irgendeine normale von der Straße
aufgelesene Person, verabreicht den Stromstoß. Die Stromstöße werden im Verlauf
des Experiments immer höher, der Schüler schreit dann auch, was natürlich
gespielt ist, ab dem Lehrer ist das ja nicht bekannt.
Eine erschreckend hohe
Anzahl von Menschen folgt als Lehrer den Anweisungen des Versuchsleiters. Es
reicht aus, daß da eine Autorität ist, ein Wissenschaftler, das Labor ist noch
nicht einmal besonders schick eingerichtet. Aber die Leute machen das mit. Ca.
70% gehorchen bis hin zu lebensgefährlichen Stromstößen oder bis zum Tod des
Schülers. Dieser Versuchsleiter, dieser Wissenschaftler hat überhaupt keine
Macht über die von der Straße geholten Versuchspersonen. Es ist den
Versuchspersonen klar, daß das Experiment nach einer Stunde beendet ist. Der
Versuchsleiter kann die Versuchsperson nicht entlassen, er kann sie nicht ins
Gefängnis bringen, er bedroht die Versuchsperson nicht mit der Waffe. Alles was
diese Autorität macht und was ausreicht, daß die Versuchsperson weitermacht,
ist zu sagen: “Es ist wichtig, daß sie weitermachen.” Wenn bei der
Versuchsperson Zweifel aufkamen, dann wurde in der Regel dieser Satz geäußert:
“Es ist wichtig, daß sie weitermachen.” “Aber der schreit doch!” “Es ist
wichtig, daß sie weitermachen.” Mehr war nicht nötig.
Ich denke, es ist wichtig,
daß Sie nicht weitermachen.
Abschrift eines am 1. Juni 00
in Köln gehaltenen Vortrags.