Stellungnahme des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V.

zur Anhörung im Gesundheitsausschuss am 31.1.2007

 

 

Sehr geehrter Herr Vorsitzender Garbrecht,

sehr geehrter Herr Minister Laumann,

sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

sehr geehrte Damen und Herren.

 

Ich freue mich, hier die Stellungnahme des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener NRW vortragen zu dürfen.

Ich möchte mich Ihnen kurz vorstellen:

Mein Name ist Cornelius Kunst, ich bin 52 Jahre alt und wohne in Solingen. Ich hatte in den Jahren 1982 bis 1987 vier Klinikaufenthalte wegen manischer Psychosen.

Seit über 6 Jahren arbeite ich im Vorstand unseres Landesverbandes.

Ich habe Bautechnik studiert, wobei Brückenbau in Stahl, Holz und Spannbeton einer der Schwerpunkt war. Heute möchte ich eine menschliche Brücke bauen und Ihnen unsere Anliegen und Sichtweisen näher bringen.

 

Wir, die Psychiatrie-Erfahrenen und Betroffenen, sind heute hier im Kreise der Experten und Gelehrten die Exoten.

Das Motto unseres Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener lautet:

„Willst Du etwas wissen, frage keinen Gelehrten sondern einen Erfahrenen.“

Wir können Ihnen sagen, wie sich Psychiatrie anfühlt. Was man dort erlebt und was einem dort leider passiert. Was einem dort geholfen oder geschadet hat. Wir können Ihnen sagen, wie sehr man ausgegrenzt wird und welchen Vorurteilen man ausgesetzt ist.

Deshalb freue ich mich, dass auch wir heute gefragt sind und die Chance erhalten, Psychiatrie auch aus unserer Sicht positiv zu verändern.

 

Wir begrüßen die Initiativen der Landesregierung und Bündnis 90/Die Grünen sich im Bereich seelische Gesundheit und Psychiatrie über Verbesserungen Gedanken zu machen.

Aus unserer Sicht ist der Bereich Psychiatrie dringend reformbedürftig.

 

Diese Punkte sind uns in dieser Reihenfolge besonders wichtig:

1.) Verminderung von Zwang und Gewalt in der Psychiatrie und Einhaltung der

     Menschenrechte

2.) Gesetzliche Verhinderung der gegenwärtigen Einflussnahme durch die Pharma-

     industrie und Vorteilsannahme durch Ärzte und Einrichtungen

3.) Anerkennung, Förderung und Mitbestimmung der Selbsthilfe und Selbsthilfeorgani-

     sationen

4.) ganzheitliche Behandlung psychischer Krisen     

5.) Änderung und Verbesserung der professionellen Haltung

6.) Verbesserung der Teilhabe Betroffener am Arbeitsleben auf dem 1. Arbeitsmarkt

7.) Mehr Aufklärung in Hinblick auf seelische Gesundheit

8.) Sinnvolle Maßnahmen, die einer Stigmatisierung entgegenwirken

9.) Der Verkürzung der Verweildauern durch die Krankenkassen Einhalt zu gebieten, 

     da dies der Hauptgrund für den „Drehtüreffekt“ ist

 

 

 

Am 9.10.2006 haben wir dem Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales eine Stellungnahme des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V., Zuschrift 14/639, zu der Drucksache 14/2415 der CDU/FDP-Fraktionen eingereicht.

Diese fügen wir hier noch einmal ein:

 

Landesverband Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V.

Wittener Str. 87

44 789 Bochum

Tel 0234 / 640 51-02   Fax -03

Matthias.Seibt@psychiatrie-erfahrene-nrw.de

 

                                                        9.10.2006

An

Herrn Minister Laumann

Die Mitglieder des Ausschusses Arbeit, Gesundheit und Soziales

Die Verfasser der Parlamentsvorlage Drucksache 14/2415

 

Unsere Stellungnahme zur Drucksache 14/2415 der CDU/FDP Fraktionen.

Psychische Erkrankungen frühzeitig erkennen und behandeln – durch verstärkte Auf-

klärung und niedrigschwellige Angebote zur Entstigmatisierung beitragen

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit möchten wir Sie über unsere Ansichten und Interessen in Kenntnis setzen und Sie bitten, diese zu berücksichtigen.

 

Stellungnahme des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V.

 

In den Jahren 2003 und 2004 waren mehrere Mitglieder unseres Landesverbandes an Sitzungen des Arbeitskreises Psychiatrie der Grünen beteiligt. Wir haben an der Gestaltung des Kongresses „Weil der Mensch ein Mensch ist“ mitgewirkt und in der Nachbereitungsgruppe an der Kongressbroschüre mitgearbeitet. Auf unsere Anregung hin wurden die allgemeinen Handlungsempfehlungen erstellt.

Wir haben bei der ganzen Arbeit gezeigt, dass wir über viel Sachverstand verfügen und dass unser Wissen auf realen Erfahrungen basiert, die für eine Anwendung entscheidend und äußerst wichtig sind.

 

Auch von der CDU/FDP-Koalition wurden wir einmal zu einem Psychiatrie-Arbeitskreis eingeladen. Wir wundern uns, dass jetzt schon eine Parlamentsvorlage zur Verbesserung der Psychiatrie fertig gestellt wurde.

 

Einigen Punkten in der Parlamentsvorlage der CDU/FDP können wir zustimmen. So sind auch wir für eine verstärkte Aufklärung über psychische Erkrankungen, Entstigmatisierung und die Senkung der hohen Zahl der Zwangseinweisungen. Für viele Betroffene kann es sinnvoll sein, wenn es eine psychiatrische Abteilung in ihrem Allgemeinkrankenhaus gibt.

 

Aus unserer Sicht fehlen allerdings viele entscheidende Punkte in der CDU/FDP-Vorlage:

 

1.) Das Thema Selbsthilfe und Selbsthilfeorganisationen kommt in der Vorlage nicht vor.

Bei der ganzen Problematik im Bereich psychische Erkrankungen geht es doch auch besonders darum, wie man die immer höher werdenden Kosten in den Griff bekommt.

Eine Untersuchung der DAK kam zu dem Ergebnis, dass Mittel für die Selbsthilfe das

10-fache an Ausgaben der Leistungsträger einsparen.

Wir leisten umfangreiche Aufklärung und unsere Arbeit wirkt entstigmatisierend für die Betroffenen

.

Wir, die Vertreter der Psychiatrie-Erfahrenen, sind die wahren Experten auf diesem Gebiet.  Es ist sinnvoll unser Erfahrungswissen zu nutzen und uns an Entscheidungen und Weiter-bildungen auf allen Ebenen zu beteiligen.

Dass man die Selbsthilfe nicht erwähnt hat, führen wir auf die schnelle Vorlage zurück, ansonsten würden wir uns durch die Politiker der CDU/FDP-Fraktionen stigmatisiert fühlen.

 

2.) Was sind die Gründe für die Zunahme psychischer Erkrankungen?

Wir sind ebenso besorgt über die Zunahme von psychischen Erkrankungen und sind der Überzeugung, dass auch nach den Ursachen und Gründen geforscht werden sollte.

Wir teilen nicht die Auffassung, dass nur die hohe Arbeitslosigkeit als primäre Ursache gesehen werden darf.

Macht unsere Gesellschaft psychisch krank? Haben wir die falschen Werte und einen schlechten Umgang miteinander? Verlangt unsere Leistungsgesellschaft zuviel Leistung vom Einzelnen? Ist die Informationsflut für viele nicht mehr zu verarbeiten? Welchen Einfluss haben die Medien, hier besonders das Privatfernsehen? Warum wird nicht genug gegen Mobbing unternommen, bei 1.500.000 neuen Fälle jährlich? Menschen, die Arbeit haben, werden krank, weil sie oft über die Grenze ihre Leistungsfähigkeit hinaus Leistung erbringen müssen. Jedes fünfte Kind wird in Deutschland misshandelt oder missbraucht (Quelle: Kinderschutzbund). Viele Kinder werden schon in jüngsten Jahren unter Ritalin und andere Psychopharmaka gesetzt.

Dies sind sicher nur ein Teil der Gründe und Ursachen.

Wir erwarten von der Politik, dass auch die gesellschaftlichen Ursachen untersucht werden und krankmachende oder schädigende Einflüsse durch zukünftiges zielgerichtetes und konstruktives Handeln abgebaut werden, im Sinne einer menschenwürdigen und respektvollen Gestaltung unseres Umfelds.

Allein die Versorgung der bereits Erkrankten ist für diese umfassende Problematik nicht ausreichend.

 

3.) Wie weit werden Ärzte, Kliniken und Einrichtungen durch die Pharmaindustrie beeinflusst?

Mittlerweile häufen sich Meldungen in den Medien, sogar in Nachrichtensendungen, dass es enge Verflechtungen zwischen der Pharmaindustrie und Ärzten, Kliniken und anderen Einrichtungen gibt.

Diese Verflechtungen und die damit verbundenen Vorteilsannahmen darf es nicht geben, da Ärzte Betroffene schwerpunktmäßig medikamentös behandeln und somit dazu tendieren, die Symptomebene und nicht die Ursache der Erkrankung in den Vordergrund der erforderlichen Maßnahmen zu stellen.

Laut jetziger Studien sind in der BRD ca. 400.000 bis 800.000 Menschen von Benzodiazepinen abhängig. (Quelle: www.aerztezeitung.de). Hier fehlen sicherlich auch geeignete Kontrollmechanismen, da abhängige Personen sich problemlos, oft über Jahre hinweg, bei unterschiedlichen Ärzten ein Rezept beschaffen können.

Neuroleptika und Antidepressiva, über mehrere Monate oder Jahre eingenommen, führen ebenfalls durch eine Vermehrung der Rezeptoren zu Abhängigkeiten. Der finanzielle Vorteil der Pharmaindustrie und der Ärzte liegt dabei auf der Hand.

Medizinisch begründet wird die Langzeiteinnahme mit dem biologisch genetischen Ursachenansatz sowie der Rückfallprophylaxe.

Der Weg der Pharmakotherapie auf Dauer und als Prophylaxe erweist sich aber in der Praxis als falsch und kontraproduktiv. Es zeigt sich, dass die Schwelle zur psychischen Dekompensation in psychischen Krisen bzw. bei psychischen Belastungen dadurch von Mal zu Mal gesenkt und so der Weg in die Chronifizierung gebahnt wird.  Die betroffenen PatientInnen können im Ernstfall immer weniger die persönlichen Ressourcen zu einer angemesseneren Krisenbewältigung aktivieren.

Besonders Neuoleptika, auch die neuen atypischen, verursachen viele körperliche Schäden, wie bleibende Bewegungsstörungen, starke Gewichtszunahme, Libidoverlust und Diabetes.

Hinzu kommt: Sie lösen selbst oft Depressionen aus.

Aus Erfahrung wissen wir, Menschen, die über Jahrzehnte Neuroleptika nehmen, haben eine um ca. 15 Jahre geringere Lebenserwartung.

 

4.) Wie steht es um die professionelle Haltung?

Auch dieser Punkt wird in der CDU/FDP-Vorlage nicht hinterfragt.

Wir vertreten eindeutig die Auffassung, dass in allen Bereichen, wie stationär, teilstationär bzw. ambulant, bei niedergelassenen Ärzten oder in komplementären Diensten wie Polizei und Rettungsdienst drastische Veränderungen vorgenommen werden müssen, die letztendlich mit einer effektiveren Verbesserung der Betroffenenproblematik einhergehen.

 

Die Psychiatrie hat grundsätzlich zwei Aufgaben: zum einen ist sie Ordnungsmacht, zum anderen erhebt sie den Anspruch, Menschen in psychischen Krisen Hilfeleistung zu gewähren. Beide Aufgaben zu erfüllen bedeutet eine schwierige Gratwanderung. Sehr häufig können Patienten kein Vertrauen zu den angebotenen Hilfeleistungen und den ausführenden Organe aufbauen und sich mit ihren speziellen Problemen nicht öffnen.

Durch die autoritäre Haltung des Personals, besonders im klinischen Bereich, leidet das Selbstwertgefühl der Patienten. Es fehlt sehr häufig an notwendiger Empathie und das Verhältnis zwischen Betroffenem und Hilfeleister wird zum Machtverhältnis. Dies ist gleichzeitig eine Stigmatisierung durch Menschen, die die Aufgabe haben, helfend Unterstützung zu bieten. Anstatt verständnisvoll auf die Betroffenen einzugehen, z.B. durch Gespräche, werden Medikamente, oft in der doppelten Dosierung, als es laut Beipackzettel zulässig ist, verordnet, um eine Arbeitsentlastung des Personals zu erreichen. Nicht selten wird auch aus diesem Grunde fixiert.

Erschreckend ist und bleibt die Tatsache, dass es durch Psychopharmaka in deutschen Psychiatrischen Kliniken zu mind. 500 Todesfällen jährlich kommt.

 

Wenig Verständnis ist bezüglich der Hilfe zur Selbsthilfe von Seiten der meisten professionellen Helfer festzustellen. Oft läuft deren Vorgehensweise darauf hinaus, dass die Patienten von diesen Hilfen abhängig werden. Hier sollte auf ein Umdenken durch Schulungen und Sensibilisierung hingearbeitet werden.

 

5.) Der Bereich Arbeit für Menschen mit psychischen Problemen fehlt.

Auch wenn durch Arbeit viele Menschen erst erkrankt sind, z.B. durch Mobbing, Burnout, und ähnliche Überforderungen, ist Arbeit ein wichtiger Faktor für Betroffene, um sich wieder zu stabilisieren und ein Selbstwertgefühl aufzubauen. Dies aber auch nur dann, wenn die Arbeit nicht zu belastend ist.

Leider werden auf dem ersten Arbeitsmarkt Menschen mit psychischen Erkrankungen oft ausgegrenzt. Generell gibt es zu wenige Teilzeitstellenangebote, die für Menschen mit einer psychischen Erkrankungen notwendig sind, da ihre Leistungsfähigkeit noch eingeschränkt ist.

Eine Arbeit auf dem zweiten Arbeitsmarkt für Menschen mit Behindertenausweis zu finden, ist so gut wie aussichtslos.

So bleibt oft nur der dritte Arbeitsmarkt in den Werkstätten für behinderte Menschen, was den Fähigkeiten vieler Menschen dort in keinster Weise entspricht.

Der Bereich Arbeit ist für Menschen, die einmal psychisch erkrankt waren, sehr unbefriedigend und weil die Chancen, wieder eine angemessene Arbeit zu finden so aussichtslos sind, auch extrem destabilisierend und damit wieder krank machend.

Es sind grundsätzlich neue Lösungen auf dem ersten Arbeitsmarkt gefragt, z.B. staatlich geförderte Teilzeitstellen für ehemalige Psychiatriepatienten. Dies wäre auf jeden Fall sinnvoller und kostengünstiger als Arbeitsplätze in einer WfbM.

Auch das Freikaufen der Firmen auf dem zweiten Arbeitsmarkt sollte deutlich erschwert werden.

Leider führen auch die beruflichen Reha-Maßnahmen oft anschließend entweder in die Arbeitslosigkeit oder in die WfbM.

 

Zum Schluss möchten wir auf den für uns wichtigsten Punkt kommen.

Der Zwang unterscheidet die Psychiatrie von allen anderen medizinischen Disziplinen.

Nach der Pressearbeit der CDU, (z.B.: Minister Laumann über zu viele Zwangsein-weisungen), hatte wir auf konkrete Vorschläge zur Eindämmung von Zwangseinwei- sungen und Zwangsmaßnahmen gehofft. Diese vermissen wir.

Hier schon einmal 3 Vorschläge:

1.) Keine richterliche Anhörung unter Zwangsmedikation.

2.) Rechtzeitige Mitteilung des Anhörungstermins, um eine selbstgewählte anwaltliche 

     Vertretung möglich zu machen.

3.) Großzügige Entschädigung (100,- € pro Tag) für unrechtmäßig Zwangsunterge-

      brachte.

Im übrigen lehnen wir jede Zwangsbehandlung ab. Zwangsunterbringung halten wir in wenigen Fällen, aus ordnungsrechtlichen Gründen, für hinnehmbar.

Die körperliche Unversehrtheit ist ein höheres Recht als die Freiheit der Person.

 

Fazit:

Leider gab es nur eine Expertenanhörung im Arbeitskreis für Arbeit, Gesundheit und Soziales der CDU/FDP. Bei dieser Anhörung fehlten die Angehörigen, die Psychologen und auch die Vertreter der Krankenkassen. Dagegen waren mehrere Ärzte bei der Anhörung anwesend.

Unser Eindruck ist, dass die CDU/FPD-Parlamentsvorlage überwiegend die Sicht der Ärzte vermittelt, aber besonders diese sollte dringend wegen der oft einseitigen biologisch genetischen Sicht und der Verflechtung mit der Pharmaindustrie kritisch hinterfragt werden.

Die Lösungsvorschläge in der CDU/FDP-Parlamentsvorlage sind unserer Auffassung nach überwiegend zu unkonkret.

Bitte überprüfen Sie nochmals Ihre Parlamentsvorlage und berücksichtigen Sie bitte die von uns gemachten Vorschläge. Wir stehen Ihnen dabei gerne beratend zur Verfügung.

 

Mit freundlichen Grüßen

Der Vorstand des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V.

 

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Matthias Seibt, Herne                                             Cornelius Kunst, Solingen

 

gez.: Regina Neubauer, Bonn

gez.: Friedrich Schuster, Recklinghausen

gez.: Holger Steuck, Mülheim a. d. Ruhr

 

Zu der Drucksache 14/2105 von Bündnis 90/Die Grünen sind wir folgender Ansicht:

Sie stimmt in den meisten Punkten der Parlamentsvorlage mit unserer Sichtweise überein.

Allerdings wurden auch einige, der für uns wesentlichen Punkte vergessen oder fielen zu schwach aus.

Diese sind:

- Der Einfluss der Pharmaindustrie auf Ärzte, Einrichtungen, Forschung und Lehre.

- Wie man der Zunahme von Zwangsmaßnahmen entgegenwirken kann

- Maßnahmen zur Entstigmatisierung

Leider werden auch in dieser Drucksache zu wenig konkrete Vorschläge gemacht.

 

 

Erläuterung der auf Seite 1 genannten 9 Punkte:

 

zu 1.)Verminderung von Zwang und Gewalt in der Psychiatrie und Einhaltung der

           Menschenrechte (ergänzend zu Seite 4 der 1. Stellungnahme)

Zwangseinweisungen, Zwangsbehandlungen, Nötigung,  psychische Gewalt und sogar körperliche Gewalt sind in deutschen Psychiatrien, aber auch im ambulanten und teil-stationären Bereich vermehrt an der Tagesordnung.

Dabei liegt bei vielen Zwangseinweisungen keine Fremd- oder Selbstgefährdung vor, sondern lediglich „fehlende Krankheitseinsicht“ bzw. fehlendes Vertrauen zu den Behandelnden.

Wir schätzen, dass bei mind. 50% der Zwangseinweisungen eine Rechtsbeugung oder Rechtsbruch vorliegen.

Die Richter, die diesen Zwang anordnen, spielen meistens leider nur die Rolle von Handlangern der Psychiatrie. Der Unterbringungsgrund „Psychose“ ist in Gerichtsbeschlüssen keine Seltenheit, obwohl in § 11 des NRW-Psych-KG der Satz steht: „Die fehlende Bereitschaft, sich behandeln zu lassen, rechtfertigt allein keine Unterbringung“. Die Richter nicken fast immer die Unterbringungswünschen der Psychiater oder Betreuer ab, vom Gesetz her sollen sie jedoch prüfen, ob eine Unterbringung notwendig ist.

 

Außerdem stellen wir fest, dass immer mehr Betreuungsverfahren eingeleitet werden, um so eine Behandlung nach dem Betreuungsrecht  durchführen zu können. Die Betreuer spielen dabei fast immer die Rolle eines Handlangers für Ärzte und Angehörige. Dabei sollen die Betreuer die Interessen des Betreuten z.B. gegenüber dem Krankenhaus oder dem niederge-lassenen Psychiater durchsetzen. In der Praxis machen die Betreuer aber mit der Psychiatrie häufig eine gemeinsame Front gegen den Betreuten auf.

 

Wir fordern eine öffentliche Statistik, wie viele Menschen jährlich  neu unter eine gesetzliche Betreuung gestellt werden, obwohl sie sich schon in stationärer Behandlung befinden.

Wir fordern seit vielen Jahren mehr Gespräche, bekommen aber lediglich nur noch mehr Medikamente.

 

zu 2.) Gesetzliche Verhinderung der gegenwärtigen Einflussnahme durch die Pharma-

           industrie und Vorteilsannahme durch Ärzte und Einrichtungen (siehe auch Punkt 

          3 der  1.Stellungnahme)

Dass die Pharmaindustrie Ärzte, Apotheker, Kliniken, Forschung und Lehre beeinflusst dürfte mittlerweile allen bekannt und unstrittig sein. Es werden sogar Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen manipuliert, wie z.B. der Verband der Angehörigen.

Die Medizin ist zu 99% von den Interessen der Pharmaindustrie gesteuert. Gesundheitliche Gründe spielen bei Verordnungen der Ärzte oft nur eine Nebenrolle, bestimmend ist meistens das Profitinteresse.

Einige Beispiele:

Die atypischen Neuroleptika wurden von Seite der Ärzte den Patienten als wesentlicher Fortschritt dargestellt, obwohl viele vorliegende Untersuchungen keinerlei Vorteile gegenüber den herkömmlichen Neuroleptika aufweisen.

Vorteil für die Pharmaindustrie (und nur auf den kommt es immer an) war, dass die neuen, patentgeschützten Atypika sehr viel teurer verkauft werden konnten.  

Da das Patientenwohl oft nur eine untergeordnete Rolle spielt, werden Patienten systematisch über mögliche Schadenswirkungen (verharmlosend Nebenwirkungen genannt) belogen. Ärzte leugnen in der Regel selbst Schadenswirkungen, die vom Hersteller im Beipackzettel aufgeführt werden.

Lügenhafterweise wird meistens behauptet, Neuroleptika und Antidepressiva machten nicht abhängig. Die Patienten werden weder informiert, dass Neuroleptika Depressionen hervorrufen, noch werden sie informiert, das Antidepressiva Psychosen auslösen können.

Zur Vermarktung eines neuen Präparates werden den Ärzten für Pseudostudien (Ausfüllen kurzer Fragebögen über die Wirkung des Mittels) Honorare bezahlt.

In den ersten Jahren nach der Gründung unseres Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener bekamen wir jedes Jahr das Angebot einer Pharmafirma, doch bitte von ihnen Geld anzunehmen. Leider ist ein Großteil der Selbsthilfeorganisationen mittlerweile ebenfalls von der Pharmaindustrie unterwandert.

Durch stationäre Psychiatrie allein kommt es zu etwa 3.000 vermeidbaren Todesfällen bundesweit.

 

Wir fragen uns, warum der Staat dies zulässt?

Eine gesetzliche Regelung auf Bundesebene ist dringend nötig.

 

zu 3.) Anerkennung, Förderung und Mitbestimmung der Selbsthilfe und Selbsthilfe-

          organisationen  (siehe auch Punkt 1 der 1. Stellungnahme)

Selbsthilfe, die Steigerung von Eigenmacht und Autonomie der Betroffenen muss in alle Fragen der Planung, Gesetzesnovellierungen, Aus-, Fort- und Weiterbildung, Forschung und Qualitätsentwicklung einbezogen werden.

Der Betroffene kann psychisch und sozial so gestärkt werden, dass er seine Gesundung und sein Leben in die eigenen Hände nehmen kann, so weit es geht.

Es müssen jene Steine aus dem Weg geräumt werden, die die Selbsthilfe und Selbstbestimmung behindern, z.B.: unfreiwillige gesetzliche Betreuung. 

 

Krankheit ist oft eine Anregung, mehr für die eigene Gesundheit Sorge zu tragen. Krankheit und Gesundheit sind nicht zwei getrennte Bereiche, sondern zwei Seiten eines Ganzen. Der Mensch kann vom Krankheitspol wieder zum Gesundheitspol gelangen, wenn er seine zahlreichen und vielfältigen Ressourcen nutzt, die ihm innewohnen und sich Kenntnisse über eigene Gesunderhaltung verschafft und umsetzt. Eine Ressource kann all das an Wirkkräften sein, was Stabilität schafft und den Gesundungsprozess fördert. Dazu braucht er seine wertschätzende Eigenannahme und empathische Umgebung.

Mit den jeweils eigenen Ressourcen können Lebensprobleme und Krisen produktiv gelöst werden. Durch ureigenste Schatzsuche statt Fehlerfahndung kann die Wiederherstellung der eigenen Selbstbestimmung, der ureigensten Integrität und Würde gefunden und gesichert werden.

 

Verbindliche und verantwortliche Beteiligung von Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen

¨      Mitwirkung bei der Gesetzgebung und in Psychiatrie-Gremien
 - Mitarbeit Psychiatrie-Erfahrener und Angehöriger in den örtlichen psychosozialen     Arbeitsgemeinschaften (PSAGs), regionalen Arbeitsgruppen und Beiräten

- Beteiligung bei der Entwicklung von Qualitätskriterien, Instrumenten der  Qualitätskontrolle und Präventionsmaßnahmen

- Anhörung bei Gesetzesänderungen, Einbeziehung in alle entscheidenden, vor allem auf Bundesebene arbeitenden Gremien zu psychiatrischen Themen

- Einrichtung weiterer trialogischer Psychose-Seminare

¨       Mitwirkung an der Aus-, Fort- und Weiterbildung

- Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener und Angehöriger an der Aus-, Fort- und Weiterbildung von in der Psychiatrie tätigen ÄrztInnen, PsychologInnen und Pflegekräften

- Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener und Angehöriger an der Schulung der Polizei, von LehrerInnen und SchülerInnen

¨      Gut erreichbare, unabhängige Beschwerdestellen für Psychiatrie

- unter Beteiligung von Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen.

¨      Kooperation mit der Selbsthilfe

-       Empfehlung an niedergelassene PsychiaterInnen und PsychotherapeutInnen zur Kooperation mit Selbsthilfegruppen und ambulanten und komplementären Diensten

¨      Unterstützung der Selbsthilfe

 - kostenlose Fortbildung und Supervision für in der Selbsthilfe ehrenamtlich Tätige (sowie Aufwandsentschädigungen, ggf. subventionierte Arbeitsplätze im Rahmen der Teilhabe an Arbeit)

- Unabhängige Beratung von Betroffenen für Betroffene nach dem Vorbild der Psychopharmaka-Beratung des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener (BPE)

 

Weiter Punkte:

·        Förderung der individuellen Selbsthilfe d.h. Profis müssten erst einmal lernen, was Selbsthilfe heißt und wie man sie anregen kann. > Hilfe zur Selbsthilfe

·        Die Einrichtungen müssten die Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen suchen, d.h. die Türen für die Selbsthilfe öffnen

·        Die Selbsthilfe spart den Kostenträgern und der Gesellschaft immense Kosten

·        Bessere Finanzierung der Selbsthilfe, auch durch das Land NRW

·        Ermöglichung eigener SH-Projekte, die z.B. Arbeitsplätze für Betroffene schaffen

·         Finanzierung auch von hauptamtlichen Stellen in der Selbsthilfe für Betroffene.

·        1% der aufgebrachten Mittel für die Psychiatrie sollten  SH-Projekten zufließen.

 

 

zu 4.) ganzheitliche Behandlung psychischer Krisen         

Ein Mensch sollte immer das Recht haben, ganzheitlich behandelt zu werden.

Die Schulmedizin sieht für psychische Erkrankungen biologisch/genetische, psychologische und soziale Ursachen. Diese drei Ursachen müssen zumindest gleichwertig gesehen werden. Den Schwerpunkt in der „Behandlung“ bildet die Medikation, da fast ausschließlich nur die genetischen/biologischen Ursachen gesehen werden. Wobei fundierte Beweise für biologisch/genetische Ursachen noch gar nicht vorliegen, und unterschiedliche Psychopharmaka nur auf Vermutung hin verordnet werden.

Die psycho/sozialen Ansätze kommen in der Behandlung kaum vor.

 

Der biologische Ansatz führt dazu, dass nur nach äußeren, in dem Moment auftretenden  Symptomen diagnostiziert wird.

Eine umfassende Diagnostik und Anamnese dagegen muss eine umfassende Analyse, der die Krise auslösenden Konflikte und Verletzungen einschließen, um die  erlittenen Traumata später therapeutisch aufarbeiten zu können. Der biologische Ansatz hat dann auch eine Schwerpunktsetzung in der pharmakologischen Therapie  zur Folge. 

Die Praxis und die Erfahrung der Betroffen zeigt, dass dies im hohen Maße unzulänglich ist.

Psychopharmaka können den die Krise auslösenden Konflikt nicht lösen. Solange das Ursprungstrauma nicht aufgearbeitet wurde, wird der Betroffene in vergleichbaren Situationen immer wieder in die Krise rutschen.

 

Der Behandlungsschwerpunkt sollte daher auf den psycho/sozialen Aspekten gelegt werden, d.h. Hilfen bei der Ursachenforschung, Verarbeitung des Erlebten sowie Hilfe zur Selbsthilfe.

Die ÄrzteInnen stellen die Behandlungsweichen. Sie müssten umdenken und Zeit für Gespräche haben. Dazu müssten diese Gespräche , im Gegensatz zu heute, auch honoriert werden. Ausnahme bilden die Klinische Ambulanzen.

Eine Langzeitbehandlung mit Neuroleptika, besonders für Ersterkrankte, hat sich als falsch, als Leben mit „Krücken“ erwiesen. Schon nach wenigen Monaten Einnahme dieser Medikamente findet eine Anpassung des Gehirns statt, die wiederum zu einer Abhängigkeit führt. Sinnvoller wäre eher eine Intervallbehandlung mit begleitender Psychotherapie.

 

Warum wird so verfahren?

 

Welche Folgen hat das wiederum für die Betroffenen?

 

Diese Art der Diagnostik und Behandlung wirkt stigmatisierend und selbststigmatisierend.

Die Menschen verlieren die Hoffnung, da es ein Teufelskreis zu sein scheint, bzw. ist!

 

Was brauchen Betroffene?

 

Verrücktheiten haben oft auch viel mit Dummheit (ungesunder Lebenswandel oder aus Krisen nichts gelernt zu haben) und Fehlverhalten der Einzelnen zu tun, und auch dies gilt es herauszufinden und anzusprechen.

Auf der anderen Seite kommt einem als Psychiatrie-Erfahrener das Gesundheitssystem im Bereich Psychiatrie auch dumm, uneffizient, menschenverachtend und man kann sagen „verrückt“ vor.

Die Psychiatrie ist insofern ein Abbild der gesamten symptomorientierten Medizin, die zu Chronifizierung und Dauerbehandlungszwang führt.

 

 

zu 5.) Änderung und Verbesserung der professionellen Haltung (siehe Punkt 4 der 1.

          Stellungnahme)

Die Haltung und der Umgang von Professionellen mit Betroffenen bedarf eines Umdenkungs-prozesses, damit Selbstbestimmung und Eigenständigkeit der Betroffenen gewährleistet sind.

Das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein ist oft schon durch vorausgegangene Bevormundungen in psychiatrischen Kliniken extrem geschädigt worden.

Natürlich wäre es am besten, wenn der Betroffene sein Leben wieder ganz selbstbestimmt und eigenverantwortlich in die Hand nähme.

Das ist für ihn auch die existentiell wichtigste Angelegenheit.

Aber was passiert? Eine Erziehung zum braven abhängigen Konsumenten mit der Aussicht auf eine ziemlich düstere Zukunftsperspektive.

Nur der Betroffene selbst weiß, was ihm wirklich gut tut, was ihm bisher geholfen hat und was ihm geschadet hat, besonders auch, wenn es um die eigene Gesundheit geht.

Selbsthilfe, Bewältigungsfähigkeit und Selbstheilungskräfte werden in der Psychiatrie oft unterschätzt.

Die Professionellen sollen nicht dominieren und alles besser wissen wollen, sondern sich wieder auf die Stufe von Lernenden begeben und ihre bisherigen Standpunkte revidieren. Es wäre gut, wenn sie Kollegen oder Kolleginnen hätten, die selbst mal Betroffene waren.

Professionelle müssen gar nicht ihre eigene Stärke demonstrieren, sondern auch ihre eigenen Schwächen und Unsicherheiten erkennen und zugeben.

Die Betroffenen wollen sie als Verhandlungspartner ansehen können, um dann mit ihnen evtl. gemeinsame Sache zu machen, wenn es ihrem eigenen Interesse und dem Gesundungsprozess förderlich ist.

Professionelle sollten sich fragen, wie gut sie in der Lage sind, aus angestammten Rollenmustern auszusteigen, wie wichtig für sie hilfebedürftige Klienten sind, von denen sie dann auch noch Unterwürfigkeit erwarten.                                             

 

Weitere Punkte:

 

 

zu 6.) Verbesserung der Teilhabe Betroffener am Arbeitsleben auf dem 1. Arbeitsmarkt

           (siehe auch Punkt 5 der 1. Stellungnahme)

Die Arbeitswelt hat sich auf die „Normalen“ eingestellt, die aber auch oft überfordert sind. Leistungsdruck, Angst vor Arbeitsplatzverlust und Mobbing nehmen zu.

Wir Psychiatrie-Erfahrenen haben auch ein Recht auf Arbeit und einen Arbeitsplatz, der unseren Fähigkeiten und unserem Leistungsvermögen entspricht.

Diese Arbeitsplätze fehlen i.d.R. Werkstätten für Behinderte können dafür kein Ersatz sein.

Psychiatrie-Erfahrene unterliegen oft gewissen Leistungsschwankungen und Veränderungen in ihrer Befindlichkeit. Auf diese Schwankungen wird in unserer Arbeitswelt immer weniger Rücksicht genommen werden, da jeder wie „genormt“ funktionieren muss. Andere Arbeitnehmer haben auch mal schwächere Tage und Befindlichkeitsstörungen.

Eine Lösung wäre, mehr Arbeitsplätze mit Teilzeit, besser noch flexible Arbeitszeiten.

 

1., 2. und 3. Arbeitsmarkt für Betroffene:

Auf dem 1. Arbeitsmarkt werden Betroffene oft überfordert, bzw. erst gar nicht eingestellt, wenn die Psychiatrie-Erfahrung bekannt wird.

 

Der 2. Arbeitsmarkt ist für Psychiatrie-Erfahrene praktisch gar nicht existent. Bei einer Vermittlungsquote von nur 10% der Integrationsfachdienste für den 2. Arbeitsmarkt, kann man wohl nur von einer Nische sprechen.

Ändern lässt sich die verheerende Situation, in dem die Gesetze derart geändert werden, dass die Ausgleichsabgaben bei Nichteinstellung drastisch erhöht werden und der Kündigungs-schutz für Menschen mit Behinderungen etwas gelockert wird, weil dies die Arbeitgeber doch zu sehr abschreckt.

 

Der 3. Arbeitsmarkt finanziert sich in erster Linie über die Ausgleichsabgaben. Die Angebote in WfB´s sind aber für viele Betroffene nicht interessant, da stigmatisierend. Die Bezahlung in WfB´s ist menschenunwürdig.

 

Faktisch steht nur der 1. Arbeitsmarkt, für viele Betroffene oft überfordernd und damit gefährlich, und der 3. Arbeitsmarkt zur Verfügung.

Zum Anderen der Weg in die Sozialhilfe, ohne zu arbeiten, mit der Folge sich überflüssig und nutzlos zu fühlen.

Für am sinnvollsten halten wir Integrationsfachbetriebe, am Besten durch Psychiatrie-Erfahrene selbst verwaltet, da dort die Bezahlung akzeptabel ist und auf die Leistungsfähigkeit i.d.R. Rücksicht genommen wird. Diese Einrichtungen können aber die große Anzahl der Betroffenen nicht auffangen.

 

Die Handlungsempfehlungen sollten lauten:

Der 1. Arbeitsmarkt sollte flexiblere Angebote für Menschen mit psychischen Problemen, in Deutschland mind. 5 Millionen Betroffene (Psychose, Borderline, Angst, Zwang, Depression und Sucht), anbieten. Der Gesetzgeber sollte dazu Anreize durch seine Gesetzgebung schaffen. 

 

Die Reha-Situation:

·        Bei Reha-Maßnahmen werden Betroffene regelmäßig überfordert und damit gefährdet.

·        Mitarbeiter sind oft ungeeignet, da sie mit der Problematik nicht vertraute Honorarkräfte sind.

·        Es wird oft bewusst Stress gemacht, um für den 1. Arbeitsmarkt „abzuhärten“.

·        Die Vermittlung und die Chancen sind auch nach den Maßnahmen gering (< 10%).

·        Alles in allem kann man sagen, es ist mehr ein Beschäftigungsprogramm für die prof. Mitarbeiter, zu deren Nutzen, als das es Betroffenen viel bringt.

 

zu 7.) Mehr Aufklärung in Hinblick auf seelische Gesundheit

Wir begrüßen, dass in beiden Parlamentsvorlagen ein Schwerpunkt auf gesundheitliche Aufklärung gelegt wird.

Gesundheit wird zur wichtigsten Ressource der Zukunft. Gesundheit kommt nicht von alleine. Gesundheit ist nur durch aktive Lebensgestaltung zu erreichen. Notwendige Ziele einer solchen Gesundheitsförderung sind:

-         die Wahrnehmung der eigenen körperlichen, seelischen und geistigen Bedürfnisse fördern

-         die sozialen Fähigkeiten in Familie und Beruf fördern

-         Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung und zum Stressabbau anbieten

-         den eigenverantwortlichen Umgang mit Gesundheit und Krankheit stärken

 

Die Geschlechterperspektive muss in der medizinischen Forschung und Versorgung gesichert werden. Die geschlechterdifferenzierten Erkenntnisse der Medizin müssen endlich in der Regelversorgung ihren Niederschlag finden. Es besteht großer Handlungsbedarf auf Dauer Gender Mainstreaming zum Wohle von Frauen und Männer zu verankern.

 

Zur Gesundheit gehört sinnerfüllteres Leben. Sinnerfülltes Leben können allerdings nicht nur die vermitteln, die im Gesundheitsbereich arbeiten. Es ist eine Aufgabe, der sich die gesamte Gesellschaft stellen muss.

Seelische Gesundheit ist nur durch wertschätzende Haltung des Einzelnen sich selbst und anderen gegenüber in einer Gesellschaft, die dies unterstützt zu gewährleisten und sicherzustellen. Seelische Erkrankungen können dadurch effektiv verhindert werden.

Bei seelischen Erkrankungen braucht man keine reduktionistische biologistische quantifizierende Weltanschauung mit viel Abstand zum Menschen, sondern eine Medizin, die die Ganzheit des Menschen sieht, und mit nichtdominierender Haltung vielfältige Unterstützung zur Gesundung anbietet, und Chronifizierung verhindert. Dadurch können enorme Kosten nicht nur gesenkt sondern ganz vermieden werden.

 

Es muss Grundaufgabe von Politik und Kostenträger sein, dies zu gewährleisten.

 

Weitere Punkte:

 

zu 8.) Sinnvolle Maßnahmen, die einer Stigmatisierung entgegenwirken

Die Stigmatisierung von Psychiatriepatienten geht oftmals zuerst von den Helfenden in der Psychiatrie aus (siehe professionelle Haltung). Hier sollte als erstes eingewirkt werden.

Als zweites sind die verzerrenden, reißerischen Medienberichte ursächlich, die oft ein falsches Bild von psychischen Erkrankungen vermitteln: psychisch krank = gefährlich.

 

zu 9.) Der Verkürzung der Verweildauern durch die Krankenkassen Einhalt zu

          gebieten,  da dies der Hauptgrund für den „Drehtüreffekt“ ist

Die Krankenkassen drängen die psychiatrischen Kliniken immer stärker, die Patienten schon nach einer Grundstabilisierung mittels Medikamente zu entlassen, d.h. nach einer Psychose oft schon nach 3 bis 4 Wochen Klinikaufenthalt. Für die Mehrzahl ist es dann noch einfach zu früh und die Patienten müssen wieder aufgenommen werden.

Wollen Ärzte eine zu frühe Entlassung verhindern, müssen sie zeitaufwendige Gutachten an die Krankenkassen schicken. Uns wurde gesagt, dass ca. 40% der Arbeitszeit der Ärzte dafür benötigt werden. Diese Zeit fehlt demzufolge für Gespräche mit den Patienten.

Gespräche zur Krisenvorsorge und Hilfe zur Selbsthilfe bleiben somit die Ausnahme, weil diese aus zeitlichen Gründen kaum noch möglich sind, bzw. weil die Patienten dafür noch nicht aufnahmebereit sind.

 

Zur Früherkennung:

Wir halten eine Früherkennung von evtl. möglichen psychischen Erkrankungen für ethisch sehr bedenklich. Solange es immer noch diese hohe Stigmatisierung gibt, würde diese Vermutung zu einer zusätzlichen seelischen Belastung und damit zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Eine vorbeugende Behandlung mit Psychopharmaka lehnen wir ab.

Den Nutzen einer Früherkennung sehen wir in erster Linie für Ärzte und Pharmaindustrie.

 

Schlusswort:

Wir hoffen, Ihnen unsere Sicht der Psychiatrie deutlich gemacht zu haben und Anregungen zur Veränderung gegeben zu haben.

Anlage:

- Aufsatz von Lothar Bücher, Freiheit heilt.

- Drei einfache Maßnahmen zur Verbesserung der stationären Psychiatrie von Cornelius 

  Kunst

 

 

 

 

„Freiheit heilt!“    Anhang 1

 

Dies war bekanntlich der von italienischen Psychiatriereformern zu uns herüberschallende Ruf Ende der 70er Jahre. Damals, bei der per Gesetz verfügten Abschaffung der Irrenanstalten in Italien und den daran als Leit­bild orientierten, durchaus ermutigenden Anfängen der Psychiatriereform in Deutschland. Heute, fast 30 Jahre später, ist es vielleicht an der Zeit, zu fragen, was denn aus dieser Reformbewegung und vor allem aus dieser Erkenntnis hier bei uns geworden ist.

 

Nun, was die Reform angeht, so scheint sie inzwischen das Los all jener Veränderungsbemühungen zu tei­len, die nicht tief genug in die alten Strukturen eingreifen, die nicht radikal genug die bestehenden Verhält­nisse in Frage stellen und die nicht weit genug nach vorne blicken: Sie landen schon recht bald auf der Ver­waltungsebene, dort, wo in kleiner Münze abgerechnet wird, und wo das reibungslose Funktionieren des Bestehenden und die vordergründige Frage, was das noch nicht Verwirklichte denn kostet, die einzige und viel zu kurze Richtschnur zu sein scheint. Die Alltagspraxis, in der das Abweichende, auch in der Psychiat­rie, nur stört, lässt eine wirkliche Reform nicht zu, allenfalls ein Renovieren. Sie glättet alles nach und nach, bis fast nichts mehr an den ursprünglichen Veränderungswillen und die einstigen Ziele erinnert. Zeugnis hierfür und ihr Stein gewordener Ausdruck sind für mich die aus der Anfängen der Reform stammenden neuen „Bettenburgen“, wie sie nun überall in den „verkleinerten“ Großkliniken zu finden sind, und die ja nun wirklich nicht für einen Neuanfang in der deutschen Psychiatrie stehen. Das Alte hat lediglich eine neue Tapete gekriegt.

 

Aus der ursprünglich klaren Forderung der deutschen Reformer nach Auflösung der psychiatrischen Anstal­ten wurde dann schon bald die „Verkleinerung der psychiatrischen Großkliniken“, was nun wieder etwas ganz anderes ist, und es erinnert mich schon ein wenig an den rätselhaften Parolenwechsel der Wende-De­monstranten 1990, wie sich da aus dem trotzigen: „Wir sind das Volk!“, auf einmal der alles übertönende Fahnenschwenkerruf: „Wir sind ein Volk!“ entwickelte. Den Rest kennt jeder. - Endgültig auf der Verwal­tungsschiene angekommen war die Psychiatriereform dann mit der „Sektorisierung“, die lediglich nur noch eine Schreibtischoperation war, die niemandem mehr wirklich weg tat, und die bestehenden Verhältnisse nicht antastete.

 

Zwischenzeitlich wird sogar über die Umwandlung der psychiatrischen Fachkrankenhäuser unter Zerschla­gung des bisher noch erkennbaren Regionalbezuges in psychiatrische Spezialkliniken nachgedacht. Solche aus Fachkreisen stammenden Ideenträger mögen damit ja einem gerade herrschenden Trend zur weiteren Ausgrenzung bzw. Entwurzelung bestimmter Problemgruppen in der Bevölkerung folgen, mit Sozialpsychi­atrie hätte das dann aber nichts mehr zu tun. Ich halte solche Bestrebungen vielmehr für inhuman und unter fachlichen Gesichtspunkten für nicht vertretbar, allenfalls mit kurzfristigen wirtschaftlichen Erwägungen und Fragen des Bestandserhaltes erklärbar.

 

Analog dazu gewinnt derzeit augenscheinlich die Riege der psychiatrisch tätigen Ärzte, deren biologistische Denk- und Arbeitsweise ihre Entsprechung in der Wahl ihrer höchst einseitigen Behandlungsmittel findet, immer mehr an Bedeutung. Bei Psychosen ist dies vor allem die Medikamentengruppe der Neuroleptika, diese möglichst auch noch in der vermeintlich vorbeugenden Depot- bzw. Dauerbehandlungsform. Neue, nebenwirkungsärmere Medikamentenentwicklungen sind zusätzlich auf breiter Front in der Anwendung. Gerade entstehende psychiatrische Früherkennungszentren, deren Aufgabe und Ziel die Erfassung und früh­zeitige medikamentöse Einstellung vorgeblich psychosegefährdeter Kinder und Jugendlicher auf eine Dau­ermedikation ist, die den Ausbruch von Psychosen verhindern sollen, unterstreichen den vorherrschenden Trend zum biologistischen Ansatz in der psychiatrischen Praxis und Forschung.

 

In die gleiche Richtung weisen m. E. die so genannten „Kompetenznetze“ zum Thema Schizophrenie und Depression. All diese neuen Initiativen seitens der etablierten Psychiatrie und Pharmaforschung, die überdies kräftige finanzielle Förderung seitens der Politik und publizistische Rückenstärkung durch die Medien erfah­ren, gehen offenbar von der These aus, dass allein nachweisbare Stoffwechselprozesse im Gehirn Auslöser und Ursache von psychischen Erkrankungen sind, und allein diese einer Behandlung mit psychogenen Sub­stanzen zugänglich sind. Hier wird vermutlich zur Zeit bestimmt, welche Fragen wohl auf absehbare Zeit in der von dieser Seite betriebenen Forschung untersucht und beantwortet werden sollen. Ich frage mich, ob nicht solches Forschen zwangsläufig zu Ergebnissen führt, die den Einsatz ihrer Sponsoren auch lohnen.

 

Bedeutet dies alles nun das Ende und die Blockade jeder anderen, darüber hinausgehenden und die Person des Erkrankten und dessen psychische Potenziale in den Mittelpunkt stellenden Entwicklung in der Psychi­atrie und in deren unabhängiger Begleitforschung? - Ich glaube nicht. Es gibt inzwischen eine organisierte Gruppierung im psychiatrischen System, der auch ich angehöre, die dies nicht mehr zulassen wird, die ge­rade dabei ist, ihre verändernde Kraft zu entdecken: die Psychiatrie-Erfahrenen selbst. „Freiheit heilt!“ um­schreibt heute für mich vor allem einen Entwicklungsprozess vieler Psychiatrie-Erfahrener auf der individu­ellen Ebene, die ihr Heil schon längst nicht mehr ausschließlich in der medizinisch orientierten Schulpsychi­atrie, in den psychiatrischen Institutionen suchen und keineswegs nur an medikamentös erzeugte Symptom­freiheit denken, wenn von Freiheit die Rede ist, sondern dies durchaus existenziell verstehen. Als Befreiung von psychiatrischer Bevormundung, in der möglichen Freisetzung der in jedem Individuum angelegten psy­chischen Selbstheilungskräfte; als die Erlangung von Freiheit in der selbstverantworteten Existenz.

 

„Und wie könnte er aussehen, dieser selbstbestimmte Weg ins Leben?“

 

Nach meinen Dafürhalten wäre dies vor allem über eine in den verschiedensten Formen der Psychotherapie erreichbare Veränderung des inneren Bildes von sich selbst und dessen Annäherung an die real bestehenden, persönlichen Lebensbedingungen möglich. Diese Angleichung vollzieht sich in einem meist längerfristigen Prozess, dessen mögliche zweifache heilsame Wirkung darin besteht, dass beides, der Blick auf sich selbst und die äußeren Lebensumstände in Bewegung geraten, sich aus Erstarrungen lösen. Jegliche Therapie, vor allem Psychotherapie verstehe ich also als die Möglichkeit, mit der Hilfe eines anderen seine Selbsthilfe­möglichkeiten zu aktivieren. So kann nun auch im Austausch zwischen dem Patienten und dem Therapeuten versucht werden, die einer psychischen Erkrankung zu Grunde liegenden inneren Konflikte zu erkennen und aufzuarbeiten. Oder einfacher ausgedrückt: die Hilfe liegt in der Aussöhnung mit sich selbst. Die Rolle des Therapeuten bzw. des psychiatrisch Tätigen hierbei ist die eines verständnisvollen Vermittlers, also nicht desjenigen, der etwas „verordnet“. Die selbst verspürte Notwendigkeit und der Wunsch des Patienten, zu einem harmonischeren Verhältnis zu sich selbst zu kommen und der feste Wille dazu, ist bereits der erste Schritt zur Heilung und gleichzeitig unabdingbare Voraussetzung. Einen anderen Weg gibt es vermutlich nicht.

 

Eine Psychose ist für mich so etwas, wie ein Geburtsvorgang, bei dem am Schluss ja bekanntlich die Abna­belung (Selbstbestimmung) steht. Gelungene Psychotherapie sorgt hier also für den guten Verlauf, ist Ge­burtshilfe, der Klaps auf den Hintern, der den ersten befreiten Schrei auslöst. Psychosentherapie sollte m. E. demnach Psychotherapie sein. Medikamentös erzeugte Symptomfreiheit oder besser Symptomverdrängung genügt also nicht, ist aber bis zu einem gewissen Grad vielleicht Voraussetzung hierfür. Die Praxis zeigt aber, dass die meisten der als niedergelassene Nervenärzte arbeitenden Mediziner - und sicher nicht nur die - sich bei ihrer Tätigkeit auf die medikamentös bewirkte vorübergehende Symptombeseitigung bzw. –besse­rung beschränken müssen. Etwas anderes ließen ihre Ausbildung und wirtschaftliche Erwägungen, auch sei­tens der Kostenträger, vermutlich gar nicht zu. Psychotherapie gehört eben nicht zum Standardangebot für psychisch Kranke, ist aber nichtsdestoweniger abrechenbare Krankenkassenleistung, wird aber wohl leider ziemlich schlecht bezahlt. Finanzierbar sind natürlich auch die dahin führenden, vorbereitenden Behand­lungsschritte. Richtig teuer ist eigentlich nur die Chronifizierung.

 

Die Abhängigkeit von Psychopharmaka, die ja eigentlich für sich besehen schon wieder einen Erkrankungs­zustand darstellt, vor allem wenn man die zu erwartenden Folgeschädigungen bei unsachgemäßer Dauerme­dikation bedenkt, bleibt dagegen in der Regel vielfach über Jahrzehnte, wenn nicht gar lebenslang erhalten. Der Patient wird so lediglich „versorgt“; von Heilung, die durchaus möglich wäre, mag man unter diesen Umständen gar nicht reden, von Freiheit noch viel weniger. Da aber diese Art der Hilfe in Wahrheit nieman­dem nützt, erst recht nicht jenen, die wirkliche Hilfe bräuchten, verringert sich natürlich auch niemals deren Hilfebedarf, im Gegenteil. Das ist die Stunde der Einrichtungsplaner, und es entstehen, zusätzlich zu den bereits vorhandenen stationären psychiatrischen Einrichtungen, die der Akutbehandlung dienen, neue Insti­tutionen, z. B. Übergangs- und Langzeitheime, Außenwohngruppen, Tages- und Begegnungsstätten. Ein enges Netz von mehr oder weniger gemeindenahen psychiatrischen Hilfen und Institutionen tut sich auf, in dem man sich, erst einmal als Hilfesuchender darin erfasst, nur allzu leicht ausweglos verfängt. Es ist doch alles da, was man braucht, um u. U. fortan ein Leben gänzlich in der Obhut der Psychiatrie und in Abhängig­keit zu ihr zu führen. In dem gesonderten Arbeits- und Beschäftigungsbereich für psychisch Behinderte fin­det dann diese kaum noch ein Schlupfloch lassende und die gesellschaftliche Ausgrenzung zementierende Wirkung der psychiatrischen Versorgung unter dem Vorzeichen der Integration und der Rehabilitation seine Fortsetzung.

 

Diese beiden aus Profimund reichlich oft zu hörenden Begriffe sagen ja an sich noch nichts darüber aus, ob jemand wirklich wieder rehabilitiert und in die Gesellschaft integriert wurde. Dient deren Verwendung in solchen Einrichtungen also dazu, diesen Sachverhalt zu verschleiern? So lange sich jemand in einer Einrich­tung befindet, verhält er sich auch entsprechend angepasst. Erst das Draußensein erfordert und ermöglicht doch andere Verhaltensweisen als die, „Insasse“ oder Patient zu sein. Erst hier steht diese Art der institutio­nellen Hilfen doch wirklich auf dem Prüfstand. Müssen wir uns also noch fragen, warum es so viele nicht schaffen, hier wieder herauszufinden? - Das psychiatrische System speist sich so aus sich selbst, schafft sich seinen eigenen Bedarf. Es entsteht ein Kreislauf zwischen dem stationären, teilstationären und ambulanten Sektor, der immer neue psychiatrisch-administrative Probleme erzeugt, inklusive seiner institutionellen Scheinlösungen. Die an der tatsächlichen Bedarfslage vorbeigehenden und Fehlentwicklungen provozieren­den gesetzlichen Grundlagen für diese Art von Hilfen tun hier ein übriges. Psycho-sozial ist das alles schon längst nicht mehr, oder nur noch insofern, als Psychiatrie eben auch ein Teil der öffentlichen Armutsverwal­tung ist.

 

„Kann man denn Armut psychiatrisch behandeln?“

 

Nein, aber sie lässt sich psychiatrisieren, und das ist das Gegenteil von heilen und von Freiheit.

 

Chronizität rührt immer von einem nicht richtig erkannten Hilfebedarf her, der folglich auch nicht mit den angemessenen Hilfen beantwortet werden kann. Ist aber erst einmal ein solcher verfestigter Zustand erreicht, potenziert sich natürlich auch der Hilfebedarf, oder besser die Hilflosigkeit. Psychisches Leiden kann man aber grundsätzlich nicht mit einem institutionalisierten Angebot lindern, allenfalls verwalten. Chronizität ist von Chronos, dem griechischen Begriff für Zeit abgeleitet. Das bedeutet also, medizinisch betrachtet, dass eine Erkrankung im Laufe der Zeit unbehandelbar wird, sich also verschlimmert, wenn ihre Behandler den Faktor Zeit außer acht lassen, die einzelnen angewandten Behandlungsschritte oder Therapien nicht zeitlich befristet sind, wovon eine Behandlung, die den Anspruch auf Wirksamkeit stellt, eigentlich ausgehen müsste.

 

Wirksamkeit verstehe ich dabei als das bloße in Gang setzen oder Anstoßen einer Wirkung, um Selbsthilfe oder -heilung zu ermöglichen. Wenn dann nach einer gewissen Zeit keine Besserung erkennbar ist, muss eben diese Art der Intervention beendet und eine andere versucht werden. Wenn aber nicht so vorgegangen wird, kann denn dann überhaupt eine Behandlung, die diese Bezeichnung verdient, stattgefunden haben? - Ich glaube, es ist nicht völlig falsch, dieses medizinisch/stoffliche Denkmodell auf die Gegebenheiten in der Psychiatrie zu übertragen.

 

Was hilft also? - Vielleicht letztlich wirklich nur das, was dem Erkrankten an Hilfemöglichkeiten aus sich selbst heraus (Empowerment) zur Verfügung steht. Wobei diese Möglichkeiten aufzuspüren, wohl umfas­sende therapeutische Wegbegleitung erfordert, die in der Hauptsache darin bestehen wird, ihn, den Patienten immer wieder zu ermutigen, genau diesen, den für ihn einzig richtigen Weg zu gehen. Wobei der ursprüng­lich eingeschlagene, nämlich die Erkrankung selbst, manchmal wichtige Hinweise auf die Wegfindung zur Heilung in sich bergen kann. Vielleicht wird vielen Hilfesuchenden aber auch dabei schon klar, dass der Weg bereits das Ziel ist. Das bedeutet, das „Auf dem Weg sein“ ist bereits die gesuchte, glücklichere Lebensform, ein Mittel gegen Stillstand, Rückzug und Resignation.

 

„Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.“

 

Eine populäre und immer wieder gern zitierte Volksweisheit, dieser Spruch. Ist das nun die Redensart von eigentlich Gleichgültigen, die mit dem, was andere betrifft, im Grunde nichts zu tun haben wollen, oder was ist dran, an dieser die Eigeninitiative dermaßen in den Himmel hebenden „Heilslehre“? Was bedeutet sie für diejenigen, die nun mal mit ihren Problemen und inneren Konflikten nicht mehr allein fertig werden und sich Hilfe vom psychiatrischen System erhoffen, was für deren ratlose und vielleicht selbst gefährdete Angehö­rige und was für die sich vielleicht überfordernden Helfer?

 

Wenden wir sie erst einmal auf die Psychiatrie-Erfahrenen an, so denke ich in erster Linie an die wachsende Zahl der Selbsthilfegruppen innerhalb und außerhalb des psychiatrischen Systems. Sie bekommen Zulauf von jenen, deren innerer Impuls zur Selbsthilfe und zur Selbstbestimmung in der Psychiatrie noch nicht er­stickt wurde, oder als gesunde Reaktion auf deren entmündigende Tendenz wiedererwacht ist, als der „Gött­liche Funke“ sozusagen. Wirkprinzip dieser Organisationsform ist die individuelle Stärkung des Einzelnen durch den Zusammenschluss von in ähnlicher Weise Betroffenen. Selbsthilfegruppen bilden eine sinnvolle und notwendige Ergänzung zum professionellen Hilfesystem im Bereich der Vor- und Nachsorge. Professio­nelle psychiatrische Behandlung greift vor allem in der Akutphase einer Erkrankung. Die bestehenden „ta­gesstrukturierenden Angebote“ der institutionellen psychiatrischen Vor- und Nachsorge halte ich dagegen wegen ihrer Tendenz zur abhängig machenden Vollversorgung ihrer „Nutzer“ für eher schädlich.

 

Wirksamen Schutz vor einem Rückfall bietet also nur ein umfassende Umgestaltung der krankheitsauslösen­den persönlichen Lebenssituation und eine Änderung der inneren Einstellung zu sich selbst. Dies kann na­türlich nicht von heute auf morgen geschehen, sondern ist Ziel einer langfristigen schrittweisen persönlichen Entwicklung und selbstverständlich nicht Aufgabe der Psychiatrie, sondern, wenn überhaupt, von begleiten­der Psychotherapie. Eine therapeutische Bindung an die behandelnde Einrichtung über die Akutphase hinaus behindert ebenfalls m. E. eher eine solche Entwicklung, als dass sie diese fördert, da jene immer aus der in­stitutionalisierten, die Eigeninitiative blockierenden Versorgerrolle heraus tätig wird, ganz gleich, um was es geht. Befreiendes Ziel aber ist und bleibt die umfassende Selbstsorge.

 

Selbsthilfegruppen sind Anlauf- und Beratungsstelle für Gefährdete und Genesende, also der Menschen, die sich zu Recht von der Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppierung eine Stabilisierung ihrer psychischen Situation, Hilfe im Alltag und bei der Entwicklung einer Zukunftsperspektive erhoffen. Sie sind soziales Lernfeld und eine notwendige Erweiterung ihres mitmenschlichen Bezugssystems. Mit dem psychischen Zusammenbruch und dem Ausbruch einer psychischen Erkrankung geht oftmals die Gefährdung bzw. der Verlust des persönlichen Bezugssystems einher. Nach einem Klinikaufenthalt wird der mit einer psychischen Erkrankung verbundene gesellschaftliche Makel offenbar, ist die bisherige soziale Stellung, auch die inner­halb der Familie gefährdet, und man spielt für lange Zeit, vielleicht auch für immer eine Außenseiterrolle. Da kann die Zugehörigkeit zu einer Selbsthilfegruppe, zeitweise oder auf Dauer, das entstandene soziale Va­kuum fürs erste ausfüllen, der Ort sein, wo man wieder Ansprechpartner findet, wo man unter seinesgleichen ist.

 

Das eben gesagte lässt sich ohne weiteres auf die Situation der Angehörigen psychisch Kranker übertragen. Die Selbstbefreiung aus der Abhängigkeit von ihrem als krank angesehenen und dementsprechend schonend behandelten Angehörigen und die vollzogene innere Abgrenzung zu den oftmals verzweifelt als alleinige „Heilsbringer“ hochstilisierten professionellen Helfern, würde vielleicht sowohl ihnen, als auch ihrem er­krankten Angehörigen jenen heilsamen Spielraum für eigenes Handeln und Verantworten verschaffen kön­nen, der allein Aussicht auf ein erträgliches familiäres Zusammenleben bringen könnte, so lange dies denn noch möglich wäre. Die beste, weil für alle Beteiligten Entwicklungsmöglichkeiten eröffnende Form der Unterstützung ihres erkrankten Angehörigen liegt m. E. demnach in der sich abgrenzenden Achtsamkeit für sich selbst. Auch hierfür ist die Selbsthilfegruppe (für Angehörige) der richtige Ort des voneinander Lernens.

 

„Und die Profis, was ist mit deren Befreiung und Heilung?“

 

Auch hier wird m. E. der Blick auf die eigene Person zum entscheidenden Instrument der Selbsthilfe. Wir alle kennen die Berichte von sich bis an den Rand des Zusammenbruchs überfordernden Klinikärzten und anderen „Engeln in weiß“ aus den Medien. Dramatisch dargeboten und mit schönen Menschen besetzt, ist diese vermeintlich heroische und Aufopferung signalisierende Haltung denn auch geradezu das Salz in der Suppe der so beliebten „Weißen Serien“ im TV. Die Wirklichkeit, d. h. der notwendige Blick auf die Kehr­seite offenbart etwas anderes, auch in der Psychiatrie: Zum Glück erfahren wir aus denselben Medien eben auch etwas über die Auswirkungen dieses meist von wirtschaftlichen Zwängen innerhalb der Institution her­rührenden Leistungsdrucks seitens der Klinikleitungen und der damit einhergehenden Selbstüberschätzung beim medizinischen Personal.

 

Gefühle des Ausgebranntseins und Behandlungsfehler bis hin zum psychotischen Fehlverarbeiten von anders nicht mehr beherrschbaren Versagensängsten in Form von vermeintlich heilsbringenden Patiententötungen sind, wie wir wissen, im schlimmsten Fall die Folge. Im großen Stil geschahen solche Patiententötungen in der Psychiatrie und in anderen, vom Dogma der Unheilbarkeit betroffenen medizinischen Bereichen be­kanntlich in der Zeit der „Kollektivpsychose“ des Nazi-Regimes. Heilsam und human wäre hier vor allem eine Rückbesinnung aller Beteiligten auf die Unvollkommenheit und Begrenztheit allen menschlichen Seins, also auch des medizinischen und des psychiatrischen Handelns gewesen. Aber dies hätte gleichzeitig wohl auch die Anerkennung der Individualität des Einzelnen und demnach auch die gesellschaftliche Akzeptanz individuellen behinderten Lebens bedeutet, was aber vermutlich nicht mit dem, Abweichungen jeglicher Art ausschließenden Allmachtsanspruch einer Diktatur und den damals vorherrschenden Wertvorstellungen der unter ihr lebenden Gesellschaft zu vereinbaren gewesen wäre.

 

Und heute? - Eine dem sehr ähnelnde aktuelle Gefährdung des Selbstverständnisses der Heilberufler, auch der psychiatrisch tätigen, könnte sich durch die, neue Wege in der Krankheitsbekämpfung auftuende Gen­technik samt ihrer von vielen erhofften, von anderen aus gutem Grund befürchteten Möglichkeiten der Früh­erkennung und der vorgeburtlichen Diagnostik entstehen, wenn diese all das tun würden, was voraussichtlich möglich sein wird und folglich auch von ihnen verlangt werden wird. Auch diese Entwicklung, vor allem unter dem sich im Zeichen der sogenannten „Bioethik“ derzeit offenbar wandelnden Ethikverständnis, könnte wiederum nur allzu leicht in die Bekämpfung der Erkrankten und Behinderten umschlagen.

 

Medizingläubigkeit in der Psychiatrie, welche einseitig auf die Verabreichung und Dauermedikation von Psychopharmaka als einziger Hilfemöglichkeit setzt und gleichzeitig damit den Betroffenen eine bloß pas­sive, konsumierende Rolle zuweist, verhindert damit, dass andere Wege zur möglichen Heilung, solche, die Selbständigkeit und Eigenverantwortung fördern und voraussetzen, überhaupt gesehen, geschweige denn erprobt werden können. „Hilfe zur Selbsthilfe“, ein in den anderen Medizinzweigen durchaus zur Anwen­dung kommender Heilungsgrundsatz, im Bereich der Psychiatrie scheint er bisher weitgehend unbekannt geblieben zu sein.

 

Rollenspiel: Ich als Patient

 

Psychiatrisch, überhaupt medizinisch behandelt zu werden ist etwas, was von mir als Patient entweder passiv erduldet, aktiv unterstützt oder brüsk abgelehnt werden kann, bisweilen also auch gegen meinen Willen pas­siert, zumindest in der Psychiatrie. Für gewöhnlich entscheide ich mich bei entsprechendem Leidensdruck, sei der nun psychischer oder mehr körperlicher Natur, für die mich erst einmal entlastende, kooperative, je­doch auch Zuwendung einfordernde Patientenrolle. D. h., ich versuche zumindest diesen Leidensdruck mei­nen Behandlern gegenüber glaubhaft zu machen, auf möglichst alle Fragen zu antworten und im übrigen meinen Hilfebedarf und meine eigene Hilflosigkeit überzeugend zum Ausdruck zu bringen. Handelt es sich dabei jedoch um eine Psychose, also um einen Zustand des inneren Steuerungsverlustes, habe ich es selbst naturgemäß nicht mehr in der Hand, welche Informationen ich gebe und welche nicht. Mein Zustand wird offenbar mit allem, was ich äußere, aber auch meine Schutzlosigkeit.

 

Entweder finde ich nun den Schutz, den ich brauche, oder ich habe das Pech, dass mein Zustand von anderen selbst als Bedrohung empfunden wird, z. B. dadurch, dass meine nicht mehr beherrschbare Angst in der Maske der Aggression auftritt, und ich auf meine Mitmenschen dadurch selbst beängstigend wirke. Dann wird dadurch höchstwahrscheinlich etwas in Gang gesetzt, was meinen disparaten Zustand endgültig zur Höllenfahrt werden lässt: die Zwangseinweisung. Das bedeutet, psychiatrische Behandlung bei gleichzeiti­gem Freiheitsentzug. Ist mir bereits in der Psychose die gewohnte Alltagsidentität abhanden gekommen, verliere ich nun auch noch durch den Einsatz polizeilicher bzw. behördlicher Gewalt gänzlich die Selbstbe­stimmung über das, was mit mir geschieht und darüber, wo dies geschieht. Ist eine abgründigere, beängsti­gendere Verunsicherung überhaupt vorstellbar?

 

Am Behandlungsort, in einem solchen Fall die psychiatrische Klinik, findet dann dieses persönliche Drama, sein vorläufiges, meist medikamentös herbeigeführtes Ende in der anonymen Atmosphäre einer Akutstation, in der ich mich zwischen denen wiederfinde, die gleichermaßen ruhiggestellt sind, vielleicht auch ähnliches erlebt haben, die mir aber im übrigen völlig fremd sind, einschließlich der für diesen Bereich zuständigen Ärzte und PflegerInnen. Handelt es sich jedoch um eine erneute Aufnahme, treffe ich dort u. U. sogar „alte Bekannte“, habe aber noch weniger die Gewähr dafür, angemessen und respektvoll behandelt zu werden. Man gibt vor, mich zu kennen, verwechselt dies aber meist mit dem Vorurteil, das man von mir hat oder mit dem, was über mich bereits in den Akten steht. Das ist kein Wiedererkennen, sondern die Kenntlichmachung oder auch der Beginn der Stigmatisierung.

 

Wenn ich nun wieder den Blick auf die Angehörigen psychisch Erkrankter richte, kann ich einmal auf Beo­bachtungen in der Familie, in der ich selbst aufgewachsen bin zurückgreifen und auf Eindrücke, die ich im Umgang mit Angehörigen von Mitbetroffenen gewonnen habe. Es ergibt sich daraus selbstverständlich kein festes Bild, aus dem man schließen könnte, so und nicht anders sind Angehörige.psychisch Kranker. Ein sich mit der Zeit verfestigender Eindruck ist aber der, dass viele ihre Rolle oft überinterpretieren und dabei ir­gendwie den Eindruck von Unausgewogenheit oder des Angespanntseins hinterlassen. Entweder wirken sie auf mich zu behütend und reglementierend oder sie sind zu stark auf Abgrenzung gegenüber ihrem erkrank­ten Angehörigen bedacht. Es treten glaube ich, auch nicht selten beide Übertreibungen gleichzeitig in einem Familienverband auf.

 

Woran liegt das, woher rührt dieser Eindruck? Ich glaube, in ihm spiegelt sich die ganze Verunsicherung und Überforderung wieder, die in einer Familie entsteht, wenn erst einmal bei einem seiner Mitglieder alle Dämme gebrochen sind, wenn dessen Verrücktheit offen zu Tage getreten ist, und das nicht mehr zur Selbst­kontrolle fähige Familienmitglied womöglich zu einer Gefahr für das bisher ungestörte, vielleicht aber auch nur noch mühsam aufrecht erhaltene öffentliche Bild von Familiennormalität geworden ist. Denn wie be­gegne ich als Angehöriger denn der Gefahr, die darin liegt, dass von einem mir nahestehenden Menschen das bisher nach innen Schutz und nach außen Ansehen bietende Sozialgefüge Familie in Frage gestellt wird; was, wenn gar dessen öffentliche Preisgabe droht? – Einerseits bin ich selbst rat- und hilflos gegenüber dem auf mich bedrohlich wirkenden psychischen Zustand meines erkrankten Angehörigen, dem ich mich aber gleichzeitig zur Hilfe und zum Beistand verpflichtet fühle. Andererseits möchte ich alles tun, um diese haut­nah verspürte Gefahr, die meiner gesamten übrigen Familie von diesem einzelnen Mitglied droht, abzuwen­den. Sehe ich überhaupt noch eine andere Möglichkeit um mit dieser Situation fertig zu werden, als Hilfe und Verstärkung von außen herbeizuholen und nach Instanzen zu rufen, von denen ich weiß, dass diese in solch einem Fall zur Hilfe verpflichtet sind und gleichzeitig die Ordnung wieder herzustellen vermögen, nämlich nach Polizei und Psychiatrie?

 

So gesehen geben Angehörige in ihrem Verhalten ein zutreffendes Bild der im psychiatrischen System, viel­leicht sogar der in der Gesellschaft selbst bestehenden Verhältnisse wieder, zumindest was die Beziehung zu deren Minderheiten oder Außenseitern bzw. die Position der Psychiatrie zu ihren Patienten betrifft. Es ist in jedem Fall ihre janusköpfige Erscheinungsform, die solche Brüche zum Vorschein bringt. Kann die Psychiat­rie wirklich, ohne das eine durch das andere zu gefährden, diese von ihr geforderte Doppelrolle spielen: ein­mal die der Zuwendung gebenden, selbstlosen Beschützerin und Helferin, andererseits die, der mit staatli­chen Befugnissen ausgestatteten Ordnungshüterin? - Ich glaube, dass die Vermischung beider Rollen, und dies ist Psychiatriealltag, ein hohes Risiko der Unglaubwürdigkeit mit sich bringt, zu Spaltungen und zum Verlust der Ganzheitlichkeit führt. Im System und bei dem einzelnen psychiatrischen Funktionsträger, und dass diese Doppelfunktion vielleicht sogar der größte Hemmschuh bei der Verwirklichung einer grundlegen­den Psychiatriereform ist.

 

Mit Ganzheitlichkeit meine ich in dem Fall die von vielen Psychiatrie-Erfahrenen in der Behandlungssitua­tion vermisste Authentizität oder Unmittelbarkeit im Umgang mit ihnen. Eine zu Recht erhobene Forderung, wie ich finde, die im Gegensatz steht zu der in der Praxis oft demonstrierten Distanziertheit seitens der psy­chiatrisch Tätigen. Man führe sich doch einmal vor Augen, dass solche Begegnungen regelhaft in einer Situ­ation stattfinden, in welcher der eine Partner in dieser Begegnung vor einem existenziellen Scherbenhaufen steht, vielleicht sogar versucht hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Was denn anderes als Mitmenschlich­keit und ungeteilte Zuwendung kann denn da wohl gefragt sein? Das aber stellt in der Tat Anforderungen an die Mitarbeiter/innen in der Psychiatrie - im übrigen auch an die Selbsthilfegruppen - denen so manche/r möglicherweise nicht gewachsen ist.

 

In dem Zusammenhang ist es auch an der Zeit, auf ein scheinbar unausrottbares Missverständnis oder eine hartnäckige Fehlinterpretation seitens vieler psychiatrisch Tätiger hinzuweisen, wann immer von „professio­neller Distanz“ die Rede ist: Hier ist keineswegs das innere Abstandhalten zum Patienten gemeint, sondern, im Gegenteil, eher zu sich selbst. In der Weise, dass psychiatrisch Tätige nicht ihre eigenen Unwägbarkeiten, Wünsche und Ängste für die des Patienten halten, sondern diese davon abzugrenzen und zu unterscheiden wissen. Fehlt es aber an dieser Fähigkeit, kann das nur als ein Mangel an persönlicher Autonomie oder inne­rer Freiheit gedeutet werden. Dies wird sich früher oder später als ein Defizit in der therapeutischen Arbeit erweisen, die doch gerade darin besteht, andere dazu zu befähigen, diese ihnen abhanden gekommene innere Freiheit wiederzuerlangen.

 

Von der Mitspielerrolle der psychiatrischen Institution und ihrer möglichen Überwindung

 

Der Psychiatrie, die in der Öffentlichkeit gleichzeitig als heilende medizinische Instanz und Ordnungsmacht erscheint, und mit weitgehenden Befugnissen gegenüber dem Einzelnen ausgerüstet ist, u. a. der Durchset­zung von gerichtlich angeordneten freiheitsentziehenden Maßnahmen, wird im öffentlichen Bewusstsein, entsprechend dieser Rolle, ein hohes Kompetenzmaß zugesprochen. Wie soll ich als Einzelner und gleich­zeitig Hilfebedürftiger einer solch mächtigen Institution gegenübertreten, wie meine Individualität und Frei­heitsrechte ihr gegenüber wahren; wie mich in einem Raum bewegen, der nach außen mit meist nicht zu öffnenden Fenstern versehen ist, und der es mir nicht gestattet, mich ohne ausdrückliche Erlaubnis der dort Beschäftigten oder ohne ihre Begleitung, wenn auch nur kurzzeitig, aus ihm zu entfernen? Hier kann ich doch nur Gefangener unter Gefangenen sein, in mehrfacher Hinsicht: Unzugänglich in dem psychischen Zustand verharrend, der mich hierhin gebracht hat, und zusätzlich geschockt, wenn nicht gar traumatisiert, von den oftmals furchteinflößenden, kein Entkommen mehr ermöglichenden Umständen meiner Einweisung. Dabei von Menschen umgeben, die ich nicht kenne, die auch nicht das Wort an mich richten, sondern mich Verwirrten erst einmal nur beobachten und zum überwiegenden Teil selbst verwirrt, traurig, oder von innerer Unruhe getrieben scheinen, und die mir quasi einen Spiegel vorhalten: „Sieh’ hin, das bist du nun, ein dir selbst fremd Gewordener.“ Zuvor bin ich möglicherweise in unbekleidetem Zustand neurologisch untersucht und dabei in etwas zu lautem Ton auf meine augenblickliche geistige Befindlichkeit geprüft worden.

 

Angst führt zur Verdrängung dessen, was ängstigt und hiervon durchtränkt ist in dieser Situation so ziemlich alles: die fremden Gesichter, die unwirtlichen, unbekannten großen Räume, die vielen Gänge und Türen, von denen ich nicht weiß, wo sie hinführen; das sich verstärkende Empfinden des Ausgeliefertseins und das Ge­fühl des zunehmenden Verlustes von Selbstbestimmung. Unter diesen Eindrücken stehend, muss ich mich dann abermals einem ärztlichen Gespräch stellen, in dem ich Angaben zur Person, zu Vorerkrankungen und zum Einweisungsgrund machen muss und erzählen soll, warum es mir gerade so schlecht geht. Weiß ich das denn überhaupt noch? – Das nun einsetzende Ringen um Worte und Fassung zeigt mich als einen Menschen, der sich nur noch als ein kontur- und willenloses Bündel empfindet, und wahllos jeden hingehaltenen Stroh­halm zu seiner Rettung vor dem endgültigen Selbstverlust ergreift. Nun bin ich endlich angekommen, bin ersatzweise erst einmal selbst Teil der mich behandelnden Institution geworden, bis es mir irgendwann wie­der gelingt, mich auf mich selbst zu besinnen, mich wieder als wirkliche Person zu begreifen. Und erst jetzt kann ich sagen, warum ich eigentlich hier bin, auf Ansprache mit halbwegs überlegter Erwiderung antwor­ten.

 

Aber hätte es dazu wirklich in jedem Fall dieses langen Weges bedurft, um wieder zu mir selbst zu kommen? Wahrscheinlich nicht. Denn ich habe an meine zurückliegenden Kontakte mit den verschiedenen psychiatri­schen Einrichtungen, keineswegs nur solche bedrückenden Erinnerungen. Es gab zum Glück dort überall und immer wieder, neben der Vielzahl seltsam anonym gebliebener Kontaktpersonen, auch vereinzelte Begeg­nungen mit Menschen, die es schafften, mit mir dort wirklich ins Gespräch zu kommen; die sich gegen die Dominanz der Institution zu behaupten wussten und zu denen ich Vertrauen fassen konnte. Was es war, was sie auszeichnete? Nun, sie wussten wohl alle, unabhängig von ihrer Stellung innerhalb der Hierarchie, um die Begrenztheit ihrer Möglichkeiten mir wirklich zu helfen, und brachten das auch immer wieder zum Aus­druck. Aber damit verbunden war auch immer mehr oder weniger deutlich die wichtigere Botschaft: „Wirk­liche Hilfe findest du nur in dir selbst; mach’ dich also auf den Weg.“

 

Inzwischen weiß ich, dass sie recht hatten. Es ist die nicht bevormundende, wirkliche Angebote bzw. Vor­schläge machende Hilfe, die nicht auf die Annahme drängt, sondern wartet, bis du das dir Gemäße herausge­funden hast. Es ist das Menschenmögliche, aber das sollte dann auch geschehen. Erst wenn alle Beteiligten, auch die Psychiatrie-Erfahrenen anfingen, ihre angenommene Rolle und ihre Funktion im Zusammenspiel des herrschenden psychiatrischen Systems kritisch zu hinterfragen; erst wenn Psychiater aufhörten, nach Betten zu zählen, wenn die Krankenpflegekräfte in der Psychiatrie es lernten, mit sich selbst pfleglich umzu­gehen, und sich nicht weiter als nachrangig empfänden; wenn Sozialarbeiter und -pädagogen mit der Selbst­erziehung nicht aufhörten, wenn Angehörige ihre Abhängigkeit erkennen würden, und nur noch sich selbst gehörten - wenn alle sich fragten, was machen wir eigentlich hier, wir haben doch die Wahl – dann beginnt vielleicht ein neues Kapitel in der noch jungen Geschichte der Psychiatrie. Nennen wir es doch ganz einfach “Die Psychiatriereform“.

 

Lothar Bücher (2001)

 

Anhang 2

Drei einfache Maßnahmen zur Verbesserung der stationären Psychiatrie

1. Abschaffung des Personalzimmers

2. zugehendes Bezugspersonensystem

3. Bericht nach Zwangsmaßnahmen

zu 1. Abschaffung des Personalzimmers:

Als Beispiel für die gute Wirkung sind die Stationen 7 + 8 der Rheinischen Kliniken in Langenfeld zu nennen, die Abteilung von Chefarzt Thomas Keller.

Auf beiden Stationen wurde das Personalzimmer ersatzlos gestrichen, es gibt nur noch einen kleinen Büroraum um Schreibarbeiten zu erledigen.

Aus dem Personalzimmer wurde der Raucherraum.

Seit dem gibt es nur noch einen größeren Personaltisch, der direkt an der Eingangstür der Station steht. In diesem Bereich hält sich immer eine Person vom Personal auf, so dass die Tür der Station i.d.R. offen bleiben kann.

Vorteile:

Zu 2. zugehendes Bezugspersonensystem:

Auf fast allen Stationen gibt es ein Bezugspersonensystem, nur leider wird es  selten angewendet bzw. gerät schnell wieder in Vergessenheit. I.d.R. wissen die Patienten nichts davon oder kennen ihre Bezugspersonen nicht.

Das zugehende Bezugspersonensystem sollte so gehandhabt werden, dass jeder Patient eine Hauptbezugsperson und ein bis zwei weitere vom Personal hat.

Ein Plan sollte für die Patienten sichtbar aufgehängt sein, aus dem hervorgeht, welche Bezugsperson an welchem Tag im Dienst ist.

Schon möglichst bei der Aufnahme sollte den Patienten dieses Bezugspersonen- system erklärt werden. Sollte dies dann noch nicht möglich sein, muss es so bald wie möglich geschehen.

Unter “zugehend“ ist gemeint, dass die Bezugspersonen jeden Tag auf ihre jeweiligen Patienten zugehen und sich mit ihnen unterhalten und auch nachfragen, ob sie etwas für sie tun können.

Die Bezugspersonen sollten möglichst für die Patienten frei wählbar sein, bzw. die Patienten haben das Recht, eine Bezugsperson abzulehnen. Über dieses Recht müssen die Patienten aufgeklärt werden und es dürfen ihnen anschließend keine Nachteile bei einer Ablehnung entstehen.

Neben allgemeinen Dingen ist es durchaus vorstellbar, dass sich die Bezugs-personen mit den Patienten über mögliche Ursachen und Auslöser ihrer Krise unterhalten. Ferner sollte über eine mögliche Krisenvorsorge und Hilfe zur Selbsthilfe gesprochen werden. Für diese neue Aufgaben sollte das Personal ausgebildet und/oder über Fortbildungen geschult werden. Dies bedeutet gleichzeitig eine Aufwertung der Aufgaben des Pflegepersonals.

Zu 3. Bericht nach Zwangsmaßnahmen:

Viele Zwangsmaßnahmen ließen sich vermeiden, wenn dass Personal geduldiger, einfühlsamer und weniger autoritär vorgehen würde. Allein die Tatsache, dass Patienten zur Einnahme von Medikamenten genötigt werden, ohne dabei über die Wirkung und Nebenwirkungen aufzuklären, bedeutet eine nicht hinzunehmende Entrechtung.

Jemand, der einmal von Zwang betroffen war, wird nachhaltig das Vertrauen in die Behandelnden verlieren und auch wenn es ihm offensichtlich schlecht geht, nicht freiwillig wieder in die Klinik gehen. Dies führt zu immer häufigeren Zwangseinweisungen.

Auf Station 7 und 8 der Rheinischen Kliniken in Langenfeld wurden die Zwangsmaßnahmen durch eine Anordnung auf ca. 20% gesenkt.

Nach jeder Zwangsmaßnahme musste die Person vom Personal, die als erste beim Patienten war, einen Bericht schreiben. Darin muss die Situation geschildert werden und was alles versucht wurde, um die Zwangsmaßnahme zu vermeiden.

Des weiteren, hatte die Person die Aufgabe, sobald wieder mit dem Patienten zu reden war, mit diesem die Situation zu besprechen, im Beisein der Bezugsperson des Patienten. Dabei bekommt auch der Patient diesen Bericht ausgehändigt.

Seit Einführung sank die Zahl der Zwangsmaßnahmen schlagartig, u. a. weil keiner diese Berichte schreiben wollte und es einfacher war geduldiger zu sein.

Dies zeigt nun wieder deutlich, dass viele Zwangsmaßnahmen generell vermeidbar sind. Leider haben viele Menschen das Bedürfnis Macht auszuüben, so auch viele Mitarbeiter im psychiatrischen Bereichen.

Fazit:

Bis auf geringe Umbaukosten würden keine Kosten bei der Umsetzung der oben beschriebenen drei Vorschläge anfallen. Die Effizienz ist aber deutlich und wäre ein großer Schritt in Richtung menschlichere Psychiatrie. Vorstellbar ist auch, dass langfristig Kosten bei den Krankenkassen und anderen Kostenträgern eingespart würden.

 

von Cornelius Kunst, Donaustr. 55; 42653 Solingen, Tel.: 0212/53641 Email: CK-SG@gmx.de

Mitglied im Vorstand des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V.