Ein Telefonat, ein Gedanke

Gestern sprach ich mit einer Frau, die ebenfalls Opfer von Neuroleptika wurde. Ich werde nicht aufhören, darüber zu berichten, bis ich merke, dass wir wirklich zueinander stehen und solidarisch aufschreien.

"Kannst du noch laufen?", fragte sie mich. Ich kann noch laufen. Doch nicht weit. Es tut sehr weh. Das Gespräch wurde immer wieder unterbrochen, da sie nicht in der Lage war, den Telefonhörer zu halten. Sie ist Anfang zwanzig. Sie ist seit Jahren in Krankenhäusern, ist körperlich nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen. Sie hat Grafik Design studiert. "Ich durfte nur ein Jahr lang studieren", sagt sie mir weinend. "Ich habe so gerne gezeichnet".  Ich sage, dass ich motorisch noch in der Lage sei,  zu zeichnen, doch die Schmerzen sind so stark, dass ich nicht lange genug durchhalte, um etwas zu produzieren. Ich habe auch Kunst studiert. Wir haben das gleiche Medikament bekommen. Wir haben beide direkt bemerkt, dass etwas mit uns nicht stimmt und darauf hingewiesen. Wir wurden beide belächelt. Wir hatten beide von Anfang an das Gefühl, Steine im Kopf zu haben. Das war für die Ärzte natürlich psychisch sehr bedenklich. Wir wurden beide wegen der Aussagen zu unserem Befinden schikaniert und belächelt. Ich habe das Medikament nach vier Wochen abgesetzt. Sie musste es länger nehmen.

Sie hat nur geweint am Telefon. Ich habe auch geweint. Ich fühlte, wie allein wir sind.

"Der Arzt hat gesagt, das geht nie wieder weg", sagt sie. So kann man nicht leben, denke ich und habe auch Angst um mich, denn auch ich kann so nicht immer leben. Wir sind jung, wir haben Träume. Hatten? Sie kann keine Minute bewegungslos sein. Immer in Bewegung, immer unkontrollierte Bewegungen am ganzen Körper. Ich frage, ob sie den wenigstens Nachts Ruhe hat. "Ich wach oft auf, weil meine Arme oder Beine auf das Bett schlagen". Sie weint. Ich weine auch. Ich habe es gut, ich spüre die Schmerzen nachts nicht. Ich möchte sie festhalten. Ich möchte sie schützen ich möchte, dass niemals mehr irgend ein Arzt ihr an den Kopf wirft, dass sie sich ja auch gehen lässt.  Sie sagt "Ich bin dankbar, dass man hier jetzt freundlich zu mir ist". Sie hat Jahre in der Psychiatrie gelegen mit der Schädigung, wo lange nicht eingeräumt wurde, was wirklich geschehen ist. Demütigend, so verletzend, dass es kaum zu ertragen ist. Ich kenne das Gefühl. Man ist allein, ohne Hilfe, Folter. Tag für Tag. Mir zu helfen wäre das Eingeständnis von Fehlern. Lieber nicht. Man kann ja verdrängen. Der Mensch kann alles verdrängen. Ich wünschte mir, die ganze Welt hätte dieses Telefongespräch gehört. Uns wird immer wieder gesagt, das ist alles psychisch. Ja, wir waren ja auch in der Psychiatrie. Klar, dann ist man stigmatisiert. Aber wo sonst, als in psychiatrischer Behandlung, sollte man sich wohl eine Neuroleptikaschädigung zuziehen können?

Heute nacht hatte ich Angst. Vor allen Dingen vor der Ignoranz dieser Schrecken gegenüber.

Hier werden Menschen gefoltert. Die Qualen sind unbeschreiblich. Es mag sein, dass andere das nicht so empfinden. War vielleicht Glück, oder ausnahmsweise ein besserer Arzt im Spiel. Manche bemerken den Verlust ihrer Lebensqualität unter den Neuroleptika selber nicht, vielleicht eine Folge genau dieser. Wir alle kennen die unzähligen apathischen Menschen, die durch die Klinikflure schlurfen. Sie sind ruhig, sie beschweren sich nicht. Die Therapie gilt als erfolgreich.

Ist der neurologische Schaden eingetroffen, ist der plötzlich psychisch. Kommt man mit einer seelischen Störung in die Psychiatrie, ist das ein neurologisches Problem, das mit Neuroleptika behandelt werden muß. Seltsam.

Nun der Gedanke. Provozierend, ich weiss. Ich las in unserer Zeitung von einem Kamel in einem Zirkus, der in unserer Stadt gastierte. Tierschützer bemerkten, dass es nicht artgerecht gehalten wurde. Sie demonstrierten tagelang vor dem Zirkus und reichten eine Klage ein. Die Zeitung berichtete mehrfach. Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein. Das Tier wurde dem Zirkus entzogen und wurde gesund gepflegt, der Besitzer muss sich vor der Justiz verantworten.

Obwohl man doch nicht sagen kann, dass alle Kamele auf dieser Welt schlecht behandelt werden, hat man wegen dem einen alles in Bewegung gesetzt. Ich möchte an den BPE apellieren, das Thema der schwer geschädigten Menschen in der Psychiatrie an erste Stelle zu setzen. Man kann sich im Anbetracht solcher Qualen nicht darauf berufen, dass es doch nicht immer so schlimm ist. Der Tierschutz ist uns da um Längen vorraus.

t.afflerbach@gmx.de