Krise - was nun? – Referat im Rahmen einer gleichnamigen Fachtagungam 2. 12. 03 in Wuppertal. Veranstalter war die Stadt Wuppertal, Amt für Psychosoziale Planung und Behindertenplanung:
(Anrede)
„Denn psychisch gesund kann auf Dauer nur bleiben, wer seinen sicheren Platz in der Gemeinschaft hat“, lautet eine hervorgehobene Aussage auf ihrem Einladungsflyer. Beim Lesen dieses schönen und richtigen Satzes reizte es mich spontan, diesen einmal umzudrehen, um zu sehen, welche Aussage dann dabei herauskäme. Hier steht dann – in bemerkenswerter Klarheit: „Einen sicheren Platz in der Gemeinschaft kann auf Dauer nur halten, wer psychisch gesund ist!“ Das ist leider genauso richtig. Wenn wir aus diesen zwei Aussagen einen Kreis bilden, haben wir das Feld dargestellt, in dem sich vermutlich große Teile der Aussagen bewegen, die hier und heute gemacht werden.
„Krise – was nun?“ lautet der Titel der Veranstaltung, zu der sie mich als krisenerfahrenen Referenten eingeladen haben. Das fordert mich geradezu dazu auf, ihnen aus meiner unprofessionellen Sicht zu sagen, was ich unter einer psychischen Krise verstehe, womit ich denn aber auch schon gleich meine Schwierigkeiten bekommen würde, denn ich könnte das ja nur aus ganz subjektiver Sicht und für mich tun. Ich will es trotzdem versuchen: Jede psychische Krise hat, glaube ich, in irgendeiner Form mit der zwischenmenschlichen Kommunikation zu tun und wird durch diese wiederum erfahrbar. Über den gedanklichen Austausch, durch die Formulierung von Meinungen, Standpunkten zu bestimmten Themen, auch durch die Äußerung von Zielen, Wünschen und Gefühlen entsteht das Bild eines Menschen. Er wird einem dadurch, wenn dies bruchlos geschieht, allmählich immer vertrauter. So wiederum entsteht Sicherheit im Umgang mit dieser Person und eine Beziehung kann sich vertiefen. Dies umschreibt aber eher die Abwesenheit von krisenhaften Anzeichen, für den Betroffenen selbst und für die ihm nahestehenden Personen.
Krisen oder - vorsichtiger formuliert - Störungen im psychischen Befinden eines Menschen werden für Außenstehende und den Betroffenen selbst erst einmal dadurch erkennbar, dass sich in der Selbstwahrnehmung, im Verhalten und in der Kommunikation Brüche und Unsicherheiten zeigen, deutliche Abweichungen von dem bestehenden Bild im Kopf des Anderen und in der eigenen Selbstwahrnehmung. Es stellt sich z. B. für den Betroffenen plötzlich die drängende Frage: Wer bin ich, bin ich ich oder ein ganz anderer? Identitätsfragen, die bereits zu einem früheren lebensgeschichtlichen Zeitpunkt als hinlänglich beantwortet galten. Diese wirklich tief greifenden persönlichen Verunsicherungen halbwegs objektiv wahrzunehmen, bedarf es für das einbezogene soziale Umfeld aber wohl des geschärften Blicks bzw. des geübten Ohrs. Eigenschaften, die man beim gut geschulten psychiatrisch Tätigen voraussetzen darf, die aber durchaus auch in der Selbsthilfebewegung anzutreffen sind und dort im täglichen Miteinander eine wesentliche auch kommunizierte Rolle spielen. Auch Veränderungen im Pflegezustand und im äußeren Erscheinungsbild sind wohl ein Signal, dass es im Gesamtzusammenhang wahrzunehmen gilt.
Wer oder was hilft?
Jede/r der hier Anwesenden wird schon einmal oder mehrmals in seinem Leben in einer solchen krisenhaften psychischen Situation gewesen sein und könnte wenn er wollte, etwas darüber berichten. Zum Glück wohl die meisten, dass sie sich ihren allernächsten Angehörigen, z. B. dem Ehepartner, einem Elternteil, den Geschwistern oder dem Freund, vielleicht auch ihrem Seelsorger anvertraut haben. Ich nenne das hier - schon ziemlich professionell – das natürliche Hilfesystem. Auch die immer zahlreicher werdenden Selbsthilfegruppen der Psychiatrie-Erfahrenen vor Ort können Sie mit Fug und Recht zu jenen psychiatriefernen so genannten „niederschwelligen Angeboten“ zählen, um im psychiatrieüblichen Sprachgebrauch zu bleiben. Deren Hilfemöglichkeiten enden jedoch erst einmal beim Rezeptblock, aber der ganze davor liegende Bereich, die Wahrnehmung von Auffälligkeiten beim Anderen, die unkomplizierte und schnelle Möglichkeit zu einem offenen Gespräch, sind für den selbsterfahrenen, in der Selbsthilfe tätigen Mitbetroffenen eine gute Grundlage, die Situation des Anderen relativ sicher einzuschätzen um ihm u. U. auch zu sagen: „Ich rate Dir dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.“
Es kann also den Veranstaltern demnach nur um den dann noch verbleibenden Teil von in einer psychischen Krise lebenden Menschen gehen, die nicht die Möglichkeit haben, auf dieses erste und der Selbsthilfe am nächsten kommende Hilfesystem zurückzugreifen, an denen sich jetzt die professionellen Hilfeangebote zu bewähren hätten. Hier am Anfang einer Krise, wobei ich deren tatsächlichen Beginn schon sehr früh ansetzen möchte - weit vor der offenkundigen Symptomatik - setzt aber für uns, die Psychiatrie-Erfahrenen die Schwierigkeit tatsächliche professionelle Hilfe zu bekommen bereits ein: In Form psychologischer Hürden, die erst einmal genommen werden müssen, ehe man sich dazu überwindet, sich z. B. in die Hände des Sozialpsychiatrischen Dienstes oder eines Facharztes zu begeben, der dann womöglich befindet, dass die „Erkrankung“ einen stationären Aufenthalt erfordert. Über all dem schwebt eine noch kaum greifbare Angst oder Befürchtung, die ganze Geschichte könne einem aus der Hand gleiten und womöglich in der Zwangseinweisung enden. Allenfalls vage Kenntnisse der Psychisch-Kranken-Gesetzgebung, ebenso bruchstückhaftes Wissen bezüglich seiner Patientenrechte und unsichere, überwiegend negativ gefärbte Informationen über das, was man über die Psychiatrie so vom Hören-Sagen weiß - das verzerrte Bild der Psychiatrie in den Medien soll hier nicht unerwähnt bleiben - erschaffen einen dunklen Mythos von Übermacht, Gewalt und Gefahr, dem man sich eigentlich nur noch durch Flucht entziehen kann. Durch all dies, einschließlich des Wissens um den gesellschaftlichen Makel einer psychischen Erkrankung, der fortan auf einem lastet, tritt in die Vorstellung des Betroffenen ein Moment der existenziellen Bedrohung, die bei einer „Krisenintervention unter Zwang“, worüber wir ja heute Nachmittag in der Arbeitsgruppe 3 reden wollen, durchaus traumatisierende Wirklichkeit werden kann.
Und dann fragen wir uns noch, woher diese so genannte „Krankheitsuneinsichtigkeit“ kommt? - Ich glaube, am wenigsten an der Realität dran sind solche Erklärungsversuche, die diesen Verdrängungsmechanismus als ein Symptom bestimmter psychiatrischer Krankheitsbilder definieren. Wenn ich richtig informiert bin, hat diese medizinische Deutung inzwischen sogar soweit Platz gegriffen, dass sie als separierte psychische Erkrankung eine eigene ICD-Schlüsselnummer hat. (Hier habe ich den Vorbehalt einer noch nicht abgeschlossenen Quellensuche eingeschoben.) So bekommt m. E. die Psychiatrie durch ihre fortschreitende Verortung in der Medizin, die hier auch noch mit ordnungspolitischen Funktionen verquickt ist, etwas tragisch Auswegloses. Es kann dahin kommen, dass Behandler und Betroffene sich am Ende nicht mehr miteinander über das, worum es geht, verständigen können. Stellen Sie sich das einmal vor: Kommt ein Patient zum Arzt und sagt: „Ich habe unlösbare psychische Probleme, bitte helfen sie mir!“ und dieser entgegnet ihm, „Nein, Sie haben ein Hirnstoffwechselproblem, ich gebe Ihnen hier ein paar Tabletten. Nehmen Sie die und kommen Sie in 14 Tagen wieder. Auf Wiedersehen.“ Glauben Sie, dass sich dieser Patient von seinem Behandler noch verstanden, gar angenommen fühlt?
Die Realität der psychiatrischen Versorgung in Deutschland sieht leider so aus. Natürlich gibt es hierzu praktizierte Alternativen, Ärzte und Ärztinnen, die ihrer Einsicht und ihrem persönlichen Menschenbild folgend, den Hilfesuchenden als ein einheitliches beseeltes Ganzes, vielleicht sogar als ein letztlich nicht erklärbares Wunder ansehen und nicht nur - aus einseitig naturwissenschaftlicher Sicht - als die Summe seiner Teile und als biophysikalischen Mechanismus. „Mainstream“ ist das sicher nicht, eher das mehr und mehr in den Hintergrund gedrängte Gegenmodell einer technik- und forschungsverliebten Apparatemedizin, die wohl noch nicht vollends in der Psychiatrie angekommen ist, diesem Stiefkind der medizinischen Forschung, aber auch hier inzwischen mächtig an Boden gewinnt. Für am verfehltesten halte ich eine solche eindimensionale Betrachtungsweise vom Menschen in der klinischen Psychiatrie. Dort, wo sie bereits zur Anwendung kommt, in der psychiatrischen Grundlagenforschung, erkenne ich Prophylaxemodelle - Beispiel: die Früherkennungszentren - deren gleichmacherische Vorstellungen einer gleichsam seriell produzierten psychischen Gesundheit mir Angst machen. Wer von uns kann überhaupt noch diesem Menschenbild entsprechen? Wem nützt das? Wem ist damit wirklich geholfen? - Hier gerät die psychiatrische Forschung eindeutig auf einen gefährlichen Irrweg, der, so wage ich zu behaupten, nur in einer wissenschaftlichen Sackgasse und in einem ethischen Desaster enden kann, vor dem ich warnen möchte.
Richtig ist, was hilft!
Nach dieser, wie ich finde, notwendigen Abschweifung möchte ich nun wieder ganz eng am Thema bleiben und aus Selbsterfahrungssicht die Frage zu beantworten versuchen, wie denn nun eine gute, auch medizinisch unangreifbare, professionell begleitete Krisenbewältigung aussieht. Auch hier möchte ich jetzt nicht die einzig richtige Herangehensweise, Krisenpatienten und –patientinnen zu begleiten propagieren – im Gegenteil, ein solcher Anspruch wäre von vorne herein verfehlt - weil wohl in keiner anderen Lebenssituation die individuelle und akut gefährdete Persönlichkeit eines Patienten stärker und unverstellter hervortritt, als in solch einer inneren Notlage. Der Patient erlebt sich hier sozusagen im Urzustand und in beängstigender Weise als ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Wie könnte es da das für alle richtige Patentrezept geben. Aber trotzdem: es gibt wohl einige Dinge, die man sich aus meiner Sicht als psychiatrisch Tätiger, egal welcher Profession, in jedem Fall vor Augen führen sollte: Eine psychische Krise ist ein zeitlich begrenztes Vorkommnis, hat einen natürlichen Grund und einen natürlichen Verlauf, also Anfang und Ende, auf das es mit allem, was man zur Stabilisierung des Patienten anbietet, zuzusteuern gilt. Maßnahmen, die etwa dazu führen, dass dieser natürliche Prozess blockiert oder unterbrochen wird, sollten vermieden werden. Ich denke hier vor allem an die Notwendigkeit der maßvollen Verabreichung von Psychopharmaka. Wenn überhaupt - für richtig halte ich es hier, wenn sich auch die jeweilige Dosierung der verabreichten Substanzen an einem stufenweisen Krisenverlaufsmodell orientiert und vor allem, dass sie so angesetzt ist, dass sie selbstaktivierend und die seelische Selbstregulierung fördernd wirkt. Das ist wiederum nur unter Behandlungsbedingungen möglich, die die Selbsterlebnis- und Selbstwahrnehmungsfähigkeit des Patienten erhält, sie nach Möglichkeit fördert und nicht ausschaltet.
Einmal Patient – immer Patient?
Auch bei der Behandlung mit Psychopharmaka sollte man also das natürliche Ende der Krise im Blick haben und herbeizuführen helfen. Für sachlich unangemessen und angreifbar halte ich dagegen solche Behandlungskonzepte, die vorsehen, einen so genannten Krisenpatienten auf Dauer und vermeintlich prophylaktisch auf solche chemischen Krücken „einzustellen“. Pharmakotherapie darf nicht Selbstzweck sein, da sie allenfalls antipsychotisch, also symptomverdrängend, aber nicht heilend wirkt. Nach meiner persönlichen Einschätzung führt eine solche Langzeitbehandlung, die ich zum Glück so nie am eigenen Leibe erfahren habe, sondern nur als langjähriger Beobachter anderer Mitbetroffener aus meinem Umfeld kenne dazu, dass ein solcher Patient u. U. das „freihändige Gehen“ – um im Bild zu bleiben – nach und nach verlernt und mit gewiss nicht ausbleibenden zukünftigen krisenhaften Lebenssituationen noch weniger gut umzugehen versteht. Es mangelt ihm dann zumeist, so mein Eindruck, am notwendigen Zugang zu den eigenen inneren Ressourcen. Psychopharmaka als Dauermedikation brächte, wenn meine Beobachtung zuträfe, demnach nicht den Schutz vor psychischer Dekompensation, sondern erniedrigte letztlich die Schwelle dorthin. Mir ist klar, dass ich hiermit das Eintreten eines chronifizierten Zustands beschreibe und dass ich mich mit meinen Schlussfolgerungen im Widerspruch zu einer weit verbreiteten medizinischen Lehrmeinung befinde, die dies propagiert, zudem im Dissens mit einem Teil der mir bekannten Psychiatrie-Erfahrenen selbst. Von vielen höre ich immer wieder die Aussage: “Es geht eben nicht ohne“. - Ich bin zumindest versucht, dem dann das Wörtchen „mehr“ hinzuzufügen. Aber ich stelle auch fest, dass es eben dazu auch bei uns, den Psychiatrie-Erfahrenen, keine einhellige Meinung gibt. Unbestritten ist sicher, dass eine solche Einsicht, dauerhaft auf Medikamente angewiesen zu sein, aus der Not geboren ist, was immer auch die Ursache dafür war. Eine dogmatische Sicht auf dieses Problem wäre alles andere als hilfreich und würde niemandem gerecht. Aber ich kann hier auch nicht einem medizinischen Dogma das Wort reden.
Eine psychische Krise entwickelt sich immer auf dem Hintergrund unveränderbarer belastender biographischer Faktoren und Ereignisse, die gefühlsmäßig verdrängt und dann beim Eintreffen zusätzlicher emotional belastender oder überfordernder aktueller Ereignisse auf einen mehr oder weniger kurzen Zeitraum bezogen, an die Grenze der Belastbarkeit führen, bzw. darüber hinausgehen. Es ist die auf einen kurzen zeitlichen Ablauf bezogene schicksalhafte Häufung solcher einschneidender Ereignisse – der Tod eines nahen Angehörigen, der Verlust des Arbeitsplatzes, Trennung und Streit in der Partnerbeziehung – die dann u. U. zum Ausbruch einer psychischen Krise führen. Ob es dazu dann noch einer genetischen Vorbelastung bedarf, möchte ich hier jetzt nicht erörtern. Eine Krise braucht - aus der Art ihrer Entstehung abgeleitet - für einen heilsamen, günstigen Verlauf also Zeit – das können weniger als 3 Wochen, u. U. aber auch 3 Monate sein und - hinzukommen muss der vor Reizüberflutung abgeschirmte beschützte Raum bzw. Rahmen. Und auch hier wieder erachte ich das schrittweise Vorgehen bei der Wiedererprobung der Belastbarkeit als richtige Behandlungs- und Betreuungsstrategie. Zu Beginn der Behandlungsphase einer Krise wird sicher in erster Linie das Bedürfnis des Patienten nach Ruhe und Entspannung im Vordergrund stehen. Nicht von ungefähr kündigt sich eine psychische Krise zumeist durch ein sich steigerndes Schlafdefizit an. Demnach sind auch die künstliche Herbeiführung des Schlafs und die äußerliche Ruhigstellung in diesem Krisenstadium als angemessene Notfallmaßnahme zu betrachten.
Kommt Zeit, kommt Rat
Der weitere Verlauf einer wirksamen Krisentherapie, die vorübergehende Entlastung des Patienten von Alltagspflichten im Haushalt, im Beruf und von der Selbstversorgung ist eine andere zeitlich befristete Maßnahme, die der schrittweisen allgemeinen Erholung des Patienten dient. Auch diese zeitliche Vorgabe ist m. E. als notwendige Kompensation des sich spätestens bei Eintritt der Krise in die Phase der offenenkundigen psychotischen Symptomatik mit Anzeichen von Realitätsverkennung, das als zeitliche Beschleunigung erlebte sich Überschlagen der Gedanken und der nach vorne drängende vermeintliche Erkenntnisschub deuten auf die Notwendigkeit des Hinwirkens auf Verlangsamung aller Vorgänge und der Wiedergewinnung eines realen Zeitgefühls hin. Auch dies hier rechtfertigt m. E. den vorübergehenden Einsatz sedierender Mittel, um der drohenden völligen geistigen und psychischen Erschöpfung entgegenzuwirken. Im übrigen gilt: Normalisierung geschieht durch die allmähliche Angleichung an das Normale, womit hier die vorgegebene zeitliche Strukturierung des äußeren Rahmens, beispielsweise der Tagesablauf auf der Krisenstation und die stufenweise Steigerung bei der Übernahme von Pflichten und der Wahrnehmung von Rechten, wie z. B. das auf Freizügigkeit und die Aufnahme von Außenkontakten gemeint sind.
Um eine psychische Krise nicht auch noch zur sozialen Krise eskalieren zu lassen, gehören m. E. unbedingt auch flankierende Maßnahmen zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit in ein professionelles Krisenkonzept. Überforderung, ebenso aber auch Unterforderung am Arbeitsplatz zähle ich zu den wichtigsten Krisenauslösern, denen bei der therapeutischen Aufarbeitung ausreichend Beachtung geschenkt werden sollte. Als arbeitsplatzerhaltend würde ich dabei auch Schritte hin zu einer Reduzierung der individuellen Arbeitszeit ansehen, nötigenfalls auch der betriebsinternen Umbesetzung, die mit Einkommensverlusten einhergeht, so schmerzlich das für den Einzelnen auch erst einmal sein mag. Das Zurückstufen von möglichen übersteigerten Leistungsansprüchen an sich selbst ist in jedem Fall eine notwendige Entlastung bezüglich Krisenanfälligkeit, vermutlich auch der einzig richtige Weg um auf Dauer sein natürliches Leistungsprofil zu erhalten. Psychische Krisen sind tiefgreifende Umbruchsituation mit Appellcharakter, gegebenenfalls Fehleinstellungen zu sich selbst zu korrigieren. Nichts anderes ist damit gemeint, eine „Krise als Chance“ zu begreifen.
Ich bin mir allerdings auch nur allzu bewusst, dass der Alltag der meisten der bereits mehrfach psychiatrisch Behandelten, insbesondere wenn dies im Rahmen längerfristiger stationärer Aufenthalte geschah, durch den Verlust des Arbeitsplatzes und durch das anschließende Fehlen einer Sinn gebenden, verantwortlich ausgeübten Tätigkeit gekennzeichnet ist. - Ist damit der Umstand eingetreten, den ich zu Anfang mit den Worten der Veranstalter zitiert habe: „Denn: psychisch gesund kann auf Dauer nur bleiben, wer seinen sicheren Platz in der Gemeinschaft hat?“ – Der Entzug der Möglichkeit, einer den eigenen Unterhalt sichernden sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, wird wohl nachvollziehbar von den meisten Betroffenen als eine persönliche Entwertung empfunden, aus der heraus nur schwer wieder in ein Leben mit halbwegs sicheren sozialen Konstanten, wie z. B. Anerkennung, Einkommen, Freundschaften und Partnerschaften zurückzufinden ist. Ich kenne einige Betroffene, wo dies als gelungen betrachtet werden kann, sie bilden aber nach meiner Wahrnehmung eine eher kleine Minderheit. Interessant wäre es, einmal systematisch danach zu fragen, welche wichtigen Faktoren dazu besonders beigetragen haben. Ich glaube, ich läge nicht ganz falsch, wenn ich vermutete, dass sich hier Antworten folgender Art häuften: „Ich habe in meiner Krise und danach Menschen gefunden, die an mich geglaubt haben.“
Berufliche Rehabilitation: Der Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Ist es erst einmal aufgrund einer psychischen Erkrankung zum Verlust des Ausbildungs- oder Arbeitsplatzes gekommen, wird unter der psychischen Dauerbelastung fehlender Einkommensmöglichkeiten und durch den Abstieg in die das Minimum an Unterhalt abdeckende Sozial- oder Arbeitslosenhilfe der gesellschaftliche Abstieg zementiert. Wo durchaus differenzierte institutionelle Hilfemaßnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung vorgesehen sind, wobei auch von einzelnen gelingenden Rückführungen in den allgemeinen Arbeitsmarkt ausgegangen werden kann, ist jedoch in der Mehrzahl der Fälle keine angemessene Vermittlung möglich und statt dessen der Weg in die Berentung bzw. in wirtschaftliche Abhängigkeit verfestigende berufliche Ersatzlösungen die Regel, für die der Betroffene auch noch einen hohen Preis zahlen muss, die offizielle behördliche Einstufung als psychisch Behinderter. Es ist inzwischen alltägliche Praxis, dass ehemals psychisch Erkrankte in großer Zahl den Abteilungen für psychisch Behinderte in den Behindertenwerkstätten zugeführt werden, um hier Arbeiten zu verrichten, die oftmals weit hinter der ursprünglichen beruflichen Qualifikation des Betroffenen zurückbleiben, bei einer Entlohnung, die nicht mehr als ein Taschengeld ausmacht. Es sind mangels ausreichender Alternativen diese so genannten „Wiedereingliederungsmaßnahmen“ selbst, die die gesellschaftliche Ausgrenzung psychisch Erkrankter endgültig besiegeln. Ich kenne keine andere Behindertengruppe, der auf diese Weise die gesellschaftliche Relevanz abgesprochen wird und es ist diese staatliche Behindertenpolitik, die der Gesellschaft durch die geschilderte Praxis ein nicht unwesentliches Leistungspotenzial entzieht. Ich möchte Sie daran erinnern: wir befinden uns noch im „Europäischen Jahr der Behinderten“.
Hilft Zwang?
Ich will hier nicht der für die Arbeitsgruppe 3, „Krisenintervention unter Zwang“ vorgesehenen Diskussion vorgreifen, trotzdem möchte ich, mit diesem Thema konfrontiert, bereits hier als Betroffener meine große Skepsis über die Begründbarkeit von Hilfe durch Zwang zum Ausdruck bringen. Es wäre mir weitaus lieber, wir suchten hier stattdessen gemeinsam nach Lösungen zur notwendigen Gewaltminderung in der Psychiatrie. Ich bin sicher, kämen wir zu positiven Ergebnissen, die umsetzbar wären, würde sich dies über kurz oder lang in den Statistiken der Zwangseinweisungen durch rückläufige Häufigkeit positiv bemerkbar machen. D. h., die Zwangseinweisungen, die durch das angstbesetzte vor sich Herschieben der rechtzeitigen Inanspruchnahme fachlicher Hilfe letztlich vollstreckt werden müssen, verlören womöglich merklich an Zahl und Bedeutung.
Was jetzt folgt ist Zitat: (...)„Alle medizinisch-therapeutischen und psychosozialen Hilfen, die nicht auf dem Hintergrund eines persönlichen Vertrauensverhältnisses zwischen den Hilfeleistenden und den Hilfesuchenden erfolgen, sondern von Letztgenannten gedanklich mit staatlicher Ordnungsmacht bzw. polizeilicher Übermacht, der Brechung des eigenen Willens und dem Verlust der persönlichen Freiheitsrechte in Verbindung gebracht werden können, müssen zwangsläufig ins Leere laufen (...) Psychiatrische Hilfe kann also nachhaltig nur da wirksam werden, wo sie sich dieser Mittel konsequent enthält. Vollends zum Debakel gerät psychiatrische Hilfe aber dort, wo sie glaubt, selbst innerhalb ihres Territoriums, in der Klinik, auf der Station und am einzelnen Krankenbett auf Zwangsmittel nicht verzichten zu können. Zwangsmedikation, Fixierung und Isolierung gehören jedoch weiterhin zur alltäglichen stationären Praxis. Sie sind kläglicher Ausdruck eines an seine strukturellen Grenzen stoßenden untauglichen Hilfeangebotes und nur letztes Mittel eines auf Eskalation hin angelegten, Furcht einflößenden und abstoßenden Geschehens“ (...)
Soweit die Beschreibung meiner damaligen gesammelten Praxiseindrücke aus dem Jahre 1999 in einer Stellungnahme für den Psychiatriebeirat zum Thema „Einweisungspraxis in Solingen“. Meinen damaligen Zorn beim Verfassen dieses Textes verspüre ich noch heute im Nachklang. Meine heutige Besorgnis über eine inzwischen staatlicherseits geplante unübersehbare Ausweitung der gesetzlichen Grundlagen zu gesetzlichen Zwangsmaßnahmen im psychiatrischen Bereich wächst auf dem Hintergrund aktueller Gesetzesinitiativen im Rahmen der geplanten Novellierung des Betreuungsrechtes indessen von Tag zu Tag. Hier geht es bekanntlich u. a. um die Legalisierung der „zwangsweisen Zuführung des Betreuten zur (ambulanten) ärztlichen Heilbehandlung“ durch den Betreuer und um eine Generalbevollmächtigung der Angehörigen psychisch Kranker für die Einleitung entsprechender Maßnahmen. Diese Bevorrechtigung gegenüber den erkrankten Angehörigen halte ich für völlig verfehlt. Sie begünstigt nur mögliche Willkürmaßnahmen gegenüber den Betroffenen seitens der Angehörigen, die doch nicht selten Teil des Problems sind, was viele in die psychische Krise gestürzt hat. Alles in allem weitere Einschnitte in die Rechtsstellung betreuter Psychiatrie-Erfahrener, zusätzlich zu den bereits bestehenden rechtlichen Beschränkungen der bürgerlichen Rechte psychisch Kranker im Rahmen des PsychKG und des bisherigen Betreuungsrechts. Der auch uns zustehende persönliche Freiheitsraum wird nochmals in bedrückender Weise eingeschränkt. Sicherlich kein Beitrag zur gesellschaftlichen Angleichung und m. E. in sich ein Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot Behinderter. Diese Aushöhlung des Rechtes von Menschen, die als psychisch krank gelten und deren rechtliche Benachteiligung nimmt nach meiner Wahrnehmung immer krassere Formen an und sorgt inzwischen bundesweit für große Unruhe unter den Betroffenen. Entsprechende Gegenreaktionen unter den organisierten Psychiatrie-Erfahrenen werden nicht ausbleiben.
Ich danke Ihnen, dass sie mir so lange zugehört haben und würde mir wünschen, dass wir die Gelegenheit nutzten, um die zuletzt erwähnten Vorgänge auch im Rahmen dieser Veranstaltung zu diskutieren.“
L. B.
P.S.: Dies geschah dann auch. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass ich mit meiner Äußerungen zum Thema „Novellierung des Betreuungsrechtes“, nicht nur, weil sie eigentlich nicht zum Thema gehörten, auf Ablehnung bei den ca. 200 TeilnehmerInnen, zumeist psychiatrisch Tätigen, stoßen würde. Aber das Gegenteil war der Fall. Die eindeutig größte Unterstützung erfuhr ich darin bei der Podiumsdiskussion vom Vertreter des Amtsgerichtes Wuppertal, dem Leiter der dortigen Betreuungsstelle, der diesen geplanten Neuregelungen aus fachlicher Sicht mit großer Skepsis sah und dessen Argumente sich mit meinen im Wesentlichen deckten. D. h., wir könnten möglicherweise auch von dieser Seite Unterstützung bekommen, wenn wir an diese Stellen bei den Amtsgerichten heranträten. Aber für so etwas reicht die Zeit wohl einfach nicht mehr aus. Ich finde aber, die Stimmung ist für unser Anliegen nicht unbedingt schlecht.